Eine Flussgeschichte

An der Oder

Die Kajüte in Ratzdorf

An der Oder

Kartenansicht Die Kajüte in Ratzdorf (Foto: Andreas Batke)

Eine Flussgeschichte

Auf der Oder von Ratzdorf nach Zollbrücke

Eigentlich tut die Oder, was sie will. Oft führt sie so wenig Wasser, dass die Schifffahrt zusammenbricht, und im Winter kommt es zu bedrohlichen Eisstaus. Über wirtschaftliche Interessen bleibt die Natur stets Sieger, denn den Fluss zu beherrschen kostet. Auf diesem Strom muss Mensch sich anders fortbewegen. Die Oder eignet sich an, wer eine Strecke mit den Fluten zurücklegt. Das weiß auch Alexander, ein Zimmermann, der einst auf seiner Walz in Ratzdorf an der Oder abgestiegen war. Seine Wanderschaft begann am Lehrort in Neulietzegöricke im Oderbruch und sollte dort auch enden. Da Alex‘ Lehrbetrieb nur 900 Meter von der Oder entfernt lag – mit dem Ortsschild, über das jeder »fremdgeschriebene Geselle« klettern muss – entschied er, übers Wasser zu kommen, und zwar auf einem Floß, ganz wie die alten Oderflößer. Sein Weg führte ihn zunächst nach Ratzdorf, in die Gast- und Tanzwirtschaft Kajüte. Dort konnte man ihm weiterhelfen. Intuitiv benutzte er den historischen Flößerplatz vis-à-vis. 109 Flusskilometer lagen vor ihm und seinen 13 Freunden. Vier Tage ging die Fahrt den Fluss hinab, vier Tage auf zehn Metern Floß. Die Ruderblätter waren selbst gebaut und die Stiele so lang, dass sie noch in der Flussmitte den Grund berührten. In Zollbrücke erwarteten ihn Meister und Familie. Unter großem Hallo stieg Alex über das Ortsschild. Und die Oder? Alex wird still: »Was für ein unglaublich schöner Fluss, mit seinen dichten Auenwäldern. So eine großartige Natur.«

Was für ein unglaublich schöner Fluss.

Kajüte Ratzdorf

Der Saal in der Kajüte Ratzdorf

Kajüte Ratzdorf

Der Saal in der Kajüte Ratzdorf ist auch mit viel ehrenamtlichem Engagement wieder auf Vordermann gebracht worden. (Foto: Andreas Batke)

Haus im Ehrenamt

Sabine Reichardt

Sabine Reichardt vor dem Strohhaus Neuzelle

Sabine Reichardt

Für Sabine Reichardt riecht es im Strohhaus Neuzelle wie bei ihrer Großmutter. (Foto: Andreas Batke)

Haus im Ehrenamt

Das Strohhaus Neuzelle

Als Bauingenieurin hat Sabine Reichardt mit moderner Fassadendämmung zu tun. Das alte Strohhaus in Neuzelle braucht sie als Gegenpol und Ausgleich. Ein Haus, wo nichts gerade ist und die Dämmung aus Naturstoffen besteht. 1780 erbauten es der aus Böhmisch-Leipa stammende Tuchmachermeister Franz Flickschuh und seine Frau Maria. Als Sabine 1995 Gründungsmitglied des Vereins »Strohhaus Neuzelle e.V.« wird, ist ihr noch nicht klar, was das bedeutet. Jahre später beschreibt sie es so: »Wenn ich durch die Tür gehe, tauche ich in eine andere Zeit ein. Ich zeige die kleinen Stuben mit den Bettwinkeln, die Vorratskammer mit dem schmalen Abgang zum Keller. Viele können sich gar nicht vorstellen, wie hier noch um 1900 Familie Heide mit 13 Kindern gewohnt hat.« In der Schwarzen Küche führt sie dann gern die Ofengabel vor. Für den Verein ist das Strohhaus Museum und Treffpunkt zugleich. Deshalb gibt es die historischen Markttage, die Spinnstube, den Adventsabend und die Ostereier-Ausstellung. Zu den »Mühen der Ebene« gehört, das Haus offen zu halten. Die Vereinsmitglieder sind fast alle berufstätig und übernehmen trotzdem an den Wochenenden die Aufsicht. Auf die Frage, ob dieses ehrenamtliche Engagement irgendwann schwinden wird, antwortet Sabine: »Ich bin optimistisch!« Denn auch sie weiß: Ohne das Ehrenamt geht es nicht. In Deutschland halten 23 Millionen Ehrenamtliche große Bereiche des öffentlichen Lebens aufrecht – in 4,6 Milliarden unbezahlten Stunden pro Jahr.

Ich bin optimistisch!

Ofengabel

Kleine Ofen- oder Topfgabel aus dem 19. Jahrhundert

Ofengabel

Kleine Ofen- oder Topfgabel, 19. Jahrhundert (Foto: Armin Herrmann)

Strohhaus Neuzelle

Das Strohhaus Neuzelle von vorn

Strohhaus Neuzelle

Kartenansicht Die Vorderseite vom Strohhaus Neuzelle (Foto: Andreas Batke)

Im Haus

Die Mitte des Hauses bildet die Schwarze Küche, die nach oben in einer Schornsteinöffnung endet.

Im Haus

Strohhaus Neuzelle: Die Mitte des Hauses bildet die Schwarze Küche, die nach oben in einer Schornsteinöffnung endet. (Foto: Andreas Batke)

Bei Maxim Gorki zu Gast

Maxim Gorki

Gorkibüste im Saarower Gorki-Haus

Maxim Gorki

Gorkibüste im Saarower Gorki-Haus (Foto: Andreas Batke)

Bei Maxim Gorki zu Gast

Die Villa Putti in Bad Saarow

Als am 19. Dezember 1972 im Café Saarow Maxim Gorkis »Lied vom Sturmvogel« erklang, war für die eigens gegründete Arbeitsgruppe der größte Teil der Arbeit zur Eröffnung der Maxim-Gorki-Gedenkstätte getan. Aus der Villa Putti war für rund 250.000 Mark der DDR ein neues kulturelles Zentrum entstanden. Einst ließ es der jüdische Bankier Kurt Landsberg nach dem Ersten Weltkrieg aus skandinavischen Holzelementen bauen und benannte es nach dem Kosenamen seiner Tochter. Lutz Storr, bis Frühjahr 2019 Vorsitzender des Fördervereins Kurort Bad Saarow e.V., kann sich dagegen noch gut an die Lähmung erinnern, die alle im Ort befiel, als es hieß, für das Gorki-Haus lägen Rückübertragungsansprüche vor. Die Gemeinde stellte 1993 einen Antrag auf Übertragung in kommunales Vermögen. »Damals hatten wir noch große Pläne, trotz erfolgter Rückübertragung. Doch am 31. August 1997 kam das Aus. Der Trägerverein löste sich auf.« Die Verbitterung ist Gisela Fischer, ehemalige Mitarbeiterin für Kultur bei der Gemeinde, noch anzumerken. Am 25. März 1999 wurde das bewegliche Inventar dem Kreisarchiv übergeben, blieb jedoch kommunales Eigentum. Seit Ende 2002 sichert die Gemeinde den Nachlass der Gorki-Gedenkstätte selbst. Von der jüdischen Erbengemeinschaft erwarb das Architektenehepaar Wilcke das Haus, in dem Maxim Gorki während seines Saarow-Aufenthaltes 1922/23 nie war, und verkaufte es schließlich Maria Luisa di Tomaso. Sie nennt es wieder Villa Putti, wie von den Erbauern einst getauft.

Gorkibüste

Büste des Schriftstellers, Dichters und Dramatikers Maxim Gorki

Gorkibüste

Büste des Schriftstellers, Dichters und Dramatikers Maxim Gorki, Inventar der ehemaligen »Maxim-Gorki- Gedenkstätte« in Bad Saarow (Foto: Armin Herrmann)

Gorkiwerke

Deutsche Ausgaben von Gorkis Werken

Gorkiwerke

Deutsche Ausgaben von Gorkis Werken (Foto: Armin Herrmann)

Gorki-Karikatur

Maxim Gorki - Karikatur der Saarower Künstlerin Gertrud Zucker

Gorki-Karikatur

Maxim Gorki-Karikatur der Saarower Künstlerin Gertrud Zucker (Foto: Armin Herrmann)

Gorki-Haus Bad Saarow

Blick auf die Rückseite der »Villa Putti«, ehemals Maxim-Gorki-Gedenkstätte

Gorki-Haus Bad Saarow

Kartenansicht Blick auf die Rückseite der »Villa Putti«, ehemals »Maxim-Gorki-Gedenkstätte« (Foto: Andreas Batke)

Bitterstoffarm, weichschalig, frohwüchsig

Trebatsch

Betriebsgelände der "Süßlupine"

Trebatsch

Kartenansicht Betriebsgelände der »Süßlupine« (Foto: Andreas Batke)

Bitterstoffarm, weichschalig, frohwüchsig

Saatzucht in Trebatsch

Einst stand hier die Wiege der weltweiten Süßlupinenneuzucht, wie Joachim Schützel erzählt. Er arbeitete von 1971 bis 2000 in Trebatsch, leitete die Saatzucht seit 1991. 1931 wird in Sabrodt, einem Ortsteil von Trebatsch, auf über 90 Hektar mit dem Anbau, der Züchtung und der Saatgutvermehrung von bitterstoffarmen, gelb blühenden Lupinen, den sogenannten Süßlupinen, begonnen. Diese schlagen drei Fliegen mit einer Klappe, da sie a) auf den kargen Sandböden im südlichen Brandenburg gut gedeihen, b) die Böden mit Stickstoff anreichern und somit fruchtbarer machen und c) anders als ihre bitteren Verwandten als eiweißreiche Futterpflanze verwendet werden können. Mit der Sorte »Weiko« kann in Trebatsch eine »bitterstoffarme, nichtplatzende, weichschalige, weißgesprenkelt samige, normal- und frohwüchsige« Lupine entwickelt werden. Während der Kriegszeit und in den Nachkriegsjahren werden ausschließlich Süßlupinen gezüchtet, bis die Saatzuchtstation 1949 als Teil des Volksguts Trebatsch der Deutschen Saatgutgesellschaft unterstellt wird. Am 21. März 1977 wird die Saatzuchtstation aus dem VEG Trebatsch herausgelöst und dem Volkseigenen Betrieb Saat- und Pflanzgut Frankfurt (Oder) zugeordnet. Der politischen Wende 1989 folgt eine typische Nachwendegeschichte mit Treuhand, Liquidation und mehreren Eigentümerwechseln. Zuletzt erwirbt 1999 die Groetzner Pflanzenzucht Gebäude, Flächen und alle Sortenrechte sowie noch vorhandenes Saatgut. Im Oktober 2004 geht die Firma in die Insolvenz. Seitdem steht die »Alte Saatzucht« leer.

Betriebsgelände der »Süßlupine«

Eingangstor zum Betriebsgelände der „Süßlupine“ in Trebatsch

Betriebsgelände der »Süßlupine«

Kartenansicht Eingangstor zum Betriebsgelände der »Süßlupine« in Trebatsch (Foto: Andreas Batke)

Ausfahrt Friedhof

Andreas Schade

Andreas Schade vom Landesbetrieb Straßenwesen Region Ost

Andreas Schade

Andreas Schade vom Landesbetrieb Straßenwesen Region Ost (Foto: Andreas Batke)

Ausfahrt Friedhof

Unterwegs auf der Müllroser Umgehungsstraße

Andreas Schade arbeitet im Landesbetrieb Straßenwesen Region Ost Dienststätte Frankfurt (Oder). Die Dienststätte liegt an der Müllroser Chaussee: Ihrem überlieferten Verlauf kann man von Frankfurt nach Südwesten folgen, bis die B87 kurz hinter Hohenwalde ihren seit Jahrhunderten in die Landschaft geschriebenen Verlauf verlässt, um Müllrose nicht länger zu durchqueren, sondern zu umgehen. Elegant schlägt das dreispurige Asphaltband einen Bogen nach Nordwest. Diese Ortsumgehung war eines von Schades ersten Projekten. In 500 Metern rechts abbiegen zur Autobahn, nach Petershagen und Müllrose. Geradeaus nach Lübben und Beeskow. Die B87 taucht unter der L37 hindurch. Gerade hier schneidet sich die Straße in ein bronzezeitliches Gräberfeld. 432 Brandbestattungen wurden im Zuge des Straßenbaus freigelegt. 3000 bis 2700 Jahre alt. Lausitzer Kultur. Es gibt wissenschaftliche Artikel über die Grabung. Einer der Titel lautet: Ausfahrt Friedhof. Es kreuzt über der Fahrbahn die Straße nach Biegenbrück. Dann folgt eine leicht nach links gezogene Kurve. Leichte Rechtskurve. Wer jetzt doch noch nach Müllrose möchte, muss demnächst rechts ab, dann nach links über die Umgehungstraße hinweg, rein in den Kreisel und auf neun Uhr wieder hinaus. »Ursprünglich war geplant, die B87 bis Beeskow dreispurig auszubauen. Vom Kreisel hätte man nach Müllrose, zur Umgehungsstraße oder zum Pflegeheim Zeisigberg abbiegen können.« Heute bietet der Kreisel nicht viel Auswahl. Man kann weiter Richtung Müllrose oder aber zurück auf die Umgehungsstraße.

Als wir mit der Umgehungsstraße für Müllrose begonnen haben, war ich einfacher Sachbearbeiter, jetzt leite ich sieben Dezernate.

Müllrose

Ortsumfahrung Müllrose

Müllrose

Kartenansicht Ortsumfahrung Müllrose (Foto: Andreas Batke)

Diesseits von Polen

Silke Thurian

Silke Thurian betreibt ihre Kneipe direkt am Oderdeich.

Silke Thurian

Silke Thurian betreibt ihre Kneipe direkt am Oderdeich. (Foto: Andreas Batke)

Diesseits von Polen

Lebensalltag zwischen Aurith und Urad

Zweimal schrieb die Oder in den vergangenen zwei Jahrzehnten Geschichte, und beide Male war Silke Thurian dabei. Das erste Mal schenkte sie Suppe aus. Das Jahrhunderthochwasser an der Oder hatte am 17. Juli 1997 Brandenburg erreicht, die Ziltendorfer Niederung stand unter Wasser. Bundeswehrsoldaten, freiwillige Helfer, alle bekamen damals von Silke Thurian Suppe ausgegeben. Ein Jahr später eröffnete sie am Deich von Aurith ihre Kneipe. Das Bauernstübchen liegt unmittelbar am Oder-Neiße-Radweg, direkt an der deutsch-polnischen Grenze. Das ist das zweite Kapitel der Odergeschichte, das sie hautnah miterlebt hat: der Beitritt des Nachbardorfs Urad in die Europäische Union am 1. Mai 2004. 15 Jahre später ist Urad so weit entfernt wie eh und je. Um ins Dorf am anderen Oderufer zu gelangen, müsste Thurian mit dem Auto über Ziltendorf und Brieskow-Finkenheerd nach Frankfurt (Oder) fahren, dort über die Stadtbrücke ins polnische Słubice und die Oder hinauf. 40 Kilometer, die auf 500 Meter zusammenschrumpfen könnten, wenn es die lange versprochene Brücke endlich gäbe. Doch die Brücke wird nicht kommen. Stattdessen soll es nun eine Fähre geben, für Radfahrer und Fußgänger. Silke Thurian glaubt nicht daran, dass mit ihr Aurith und Urad wieder ein wenig enger aneinanderrücken. Während sich 20 Kilometer oderabwärts Frankfurt und das polnische Słubice als Doppelstadt für den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2029 bewerben wollen, geht das Leben in Aurith weiter wie zuvor.

Auch eine Fähre würden Aurith und Urad nicht näher zusammenrücken.

Aurith

Oder-Fähre von Aurith nach Urad

Aurith

Kartenansicht Oder-Fähre von Aurith nach Urad (Foto: Andreas Batke)

Angekommen

Angekommen

Als Flüchtling in Eisenhüttenstadt

Als Osmel zum ersten Mal nach Eisenhüttenstadt fährt, ist es Januar 1999. Er wird nicht zurückfliegen nach Kuba, wo noch zwei Ermittlungsverfahren gegen ihn laufen. Aus dem Touristen Osmel Brooks Morejón, der seinen Bruder in Magdeburg besucht, wird Osmel Brooks Morejón, Asylbewerber in Eisenhüttenstadt. Daheim hat er Maschinenbau studiert, könnte Karriere machen. Er müsste nur Mitglied der Partei werden. Doch dagegen sträubt er sich. Er schreibt Losungen auf Transparente, organisiert Demonstrationen. Und landet im Gefängnis. In der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt) weist man Osmel ein Zimmer zu, wo er mit zwei Kolumbianern und einem anderen Kubaner lebt. »Die Aufnahme als Asylbewerber ist ein wenig wie im Gefängnis. Fotos machen von allen Seiten. Fingerabdrücke. Das kannte ich aus der Untersuchungshaft in Kuba.« Leben in der ZASt bedeutet: dreimal täglich Essen in der Kantine und auf einen Anhörungstermin warten. Wochenlang. Monatelang. Nichts zu arbeiten. Nichts zu lernen. Warten. Nach fünf Monaten wird Osmel als politischer Flüchtling anerkannt. Er geht nach Berlin und fängt mit 36 Jahren von vorn an: als Tellerwäscher, als Handlanger in einer Abbruchfirma. Er bemüht sich um die deutsche Staatsbürgerschaft – erfolgreich. Wird Haustechniker an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Die Leute in Eisenhüttenstadt, sagt Osmel heute, seien nicht glücklich mit ihnen gewesen. »Es ging nie ohne Sprüche. Und manche haben uns regelrecht gejagt.«

Es ging nie ohne Sprüche!

Eisenhüttenstadt

Zaunwache an der ZABH

Eisenhüttenstadt

Kartenansicht Zaunwache an der ZABH (Foto: Andreas Batke)

Wenn die Hirsche schreien

Reno Hölzke

Jäger Reno Hölzke vor seinem Haus in Kaisermühl

Reno Hölzke

Jäger Reno Hölzke vor seinem Haus in Kaisermühl (Foto: Andreas Batke)

Wenn die Hirsche schreien

Als Jäger unterwegs in Müllrose

Der schönste Moment im Wald ist für Reno Hölzke, »wenn die Hirsche schreien«. Dann weiß er, sie sind noch da. Wald und Wild. So war das in der DDR. Heute hingegen gilt immer öfter: Wald vor Wild. Auch die neue Durchführungsverordnung Jagd, kurz DVO, in Brandenburg erlaubt, unbegrenzt auf weibliches Reh-, Dam- und Muffelwild zu schießen, wenn Baumarten wie Buche oder Eberesche, mit denen die Forstwirtschaft von den Kiefernmonokulturen weg kommen will, erhöhten Verbiss aufweisen. »Die Förster sagen, das Wild frisst uns den Wald auf«, ärgert sich Hölzke. Und die Bauern sagten dasselbe von ihren Feldern. Ohne Jagd, glaubt er, sei die Wirtschaft auf dem Feld heute nicht mehr möglich. Die DVO bringe da keine Lösungsansätze. »Wir brauchen nicht mehr Jäger, wir brauchen ein Regelwerk, das den Konflikt mit der Landwirtschaft aushebelt.« Und dann ist da noch dieser »Rückkehrer« in den Wäldern, der heute besonderen Schutz genießt: Mehr als 30 Wölfe vermutet Hölzke rund um Müllrose. Jedoch: »Sie haben hier keinen adäquaten Lebensraum mehr, der ist über die Jahrzehnte zerstört worden.« Er fordert darum, das Tier unters Jagdrecht zu nehmen. »Der Wolf muss nicht eliminiert werden. Aber reguliert.« Der ehemalige Leiter der Unteren Jagdbehörde, Matthias Fochtmann, sieht das ähnlich. »Der Wolf ernährt sich hier vor allem von Reh- und Rotwild. Wenn wir dies aber schonungslos abknallen sollen, bleiben ihm nur noch unsere Haustiere, um nicht zu verhungern.«

Wäre der wirtschaftliche Druck von den Flächen runter, wäre es dagegen ein ganz entspanntes Auskommen.

Storkow

Storkower Jagdbläser beim Einlasen

Storkow

Kartenansicht Storkower Jagdbläser beim Einlasen (Foto: Andreas Batke)

»Chronist unserer Zeit«

Fred Gillmeister

Fred Gillmeister vom Foto-Zirkel Eisenhüttenstadt auf den Diehloer Höhen

Fred Gillmeister

Fred Gillmeister vom Fotozirkel Eisenhüttenstadt auf den Diehloer Höhen (Foto: Andreas Batke)

»Chronist unserer Zeit«

Der Fotozirkel des Eisenhüttenkombinats Ost

Der als Volkskunstkollektiv «Fotozirkel» ins Leben gerufene Zusammenschluss des Eisenhüttenkombinats Ost (EKO) feierte 2019 sein 40-jähriges Bestehen. Nur elf Jahre seiner Geschichte entfallen somit auf die Zeit der DDR. Und doch haben nicht zuletzt diese Jahre das Selbstverständnis und den Gemeinschaftssinn dieses Vereins geprägt. Stellvertretend hierfür steht das Credo des ersten Zirkelleiters Günther Kraft, der 1979 als Lehrausbilder an der Betriebsberufsschule des EKO tätig war: »Die Fotografie verstehen wir als Chronist unserer Zeit, auch als Erholung und Entspannung und als Feld eigener schöpferischer Aktivitäten.« Der Umbruch 1989/90 brachte die Ausstellungs- und Wettbewerbstätigkeit des Fotozirkels vorübergehend zum Erliegen. Der Verlust der betrieblichen Trägerstruktur führte 1993 zur Neugründung als Verein »Fotozirkel EKO e.V.« Schnell gelang es jedoch, an die reiche Ausstellungstradition anzuknüpfen. Grundsätzlich gilt: Keine Ausstellung, in der nicht jedes beteiligte Mitglied mit wenigstens einem eigenen Bild vertreten ist. Die Nachwuchsproblematik wird dabei als Zukunftsfrage der Stadt verhandelt, wobei der Zirkel versucht, die lebenswerten und familienfreundlichen Seiten der Region zu beleuchten. In Zusammenarbeit mit den vielen Kulturinstitutionen der Region wird es hoffentlich gelingen, den reichen Bilderschatz des Vereins und die darin eingeschriebene Kulturgeschichte der Transformation zu bewahren.

Die Fotografie verstehen wir als Chronist unserer Zeit, auch als Erholung und Entspannung und als Feld eigener schöpferischer Aktivitäten.

Eisenhüttenstadt

Der Fotozirkel Eisenhüttenstadt vor der Ausstellung: Gerahmt wird selbst.

Eisenhüttenstadt

Kartenansicht Ausstellungsvorbereitung Fotozirkel Eisenhüttenstadt (Foto: Andreas Batke)

Das kleine Glück

Kraftwerkssiedlung

Laubeneingang der Kraftwerkssiedlung in Brieskow-Finkenheerd

Kraftwerkssiedlung

Kartenansicht Laubeneingang der Kraftwerkssiedlung in Brieskow-Finkenheerd (Foto: Andreas Batke)

Das kleine Glück

Eine Bergmannsiedlung in Brieskow-Finkenheerd

Voll ist es in dem kleinen Wohnzimmer. Bücherregale auf der einen, eine Anbauwand auf der anderen Seite. Otto Polomka, jetzt 84, hat diesen Anbau an das Wohnhaus 1995 selbst gestemmt, Hühnerstall und Waschküche dafür abgerissen. Seine Frau Irmgard (85) ist hier, in der Glückauf-Siedlung in Brieskow-Finkenheerd, aufgewachsen: Als ihre Eltern den Mietvertrag unterschrieben, war sie vier. »Das hier«, sagt sie, »war eine reine Bergmannsiedlung.« Und der Anstieg der Einwohnerzahl aufgrund des Kohle-Abbaus rund um die Gemeinde der Grund für ihre Errichtung. Der Architekt Heinrich Tessenow (1876–1950) entwarf sie in den Jahren 1927/28 – zusammen mit der Architektin Frida Schmidt aus Frankfurt (Oder). Tessenow interessierte der „Urtyp“ des Hauses: Seine Siedlerhäuser waren sachlich und schlicht gestaltet und in einen kleinen Nutzgarten eingebettet. Jedes der 31 Häuser in Brieskow-Finkenheerd besteht so aus einem hohen und einem flachen Kubus, wobei der Letztere zumeist die Verbindung zum jeweiligen Nachbargebäude bildet. Gewohnt wird Parterre; der Platz unter den Flachdächern reicht lediglich zum Schlafen. Etwas, das Jahrzehnte später vielen nicht mehr zeitgerecht erscheint. Im Jahr 2002 stellt die Gemeinde darum den Antrag auf Aufhebung des Denkmalschutzes. Mit Erfolg. Viel ist in der Glückauf-Siedlung seitdem überbaut worden. Und auch Bergmänner wohnen dort schon längst nicht mehr. Der alte Straßenname aber wird weiter an sie erinnern: Glück auf!

Wir waren glücklich hier.

Brieskow-Finkenheerd

Kraftwerkssiedlung mit Pyramidendächer in Brieskow-Finkenheerd

Brieskow-Finkenheerd

Kartenansicht Pyramidendächer in der Glückauf-Siedlung Brieskow-Finkenheerd (Foto: Andreas Batke)