Der Mann aus dem Westen

Rolf Lindemann

Rolf Lindemann

Rolf Lindemann

Nach mehr als drei Jahrzehnten hat Rolf Lindemann in der Region Wurzeln geschlagen. (Foto: Andreas Batke)

Der Mann aus dem Westen

Aus dem Ruhrpott an die Spree

Rolf Lindemann, ein junger Verwaltungsjurist aus Kamen/Westfalen, der im Dezember 1989 sein 2. Staatsexamen abgelegt hat, ist auf der Suche nach einer ersten Arbeitsstelle. Über einen SPD-Mann aus Zeust war er durch die Städtepartnerschaft Beeskow–Kamen auf das Städtchen an der Spree gestoßen. Unkompliziert und mit einer entspannten Direktheit, so hatte er die Menschen hier bisher erlebt. Ohne jede Pose, mit kräftigem Händedruck, der ein wenig schmerzte, als ihn Jürgen Schröter, Tierarzt und erster Landrat des Kreises Beeskow, mit den Worten begrüßte: »Und Sie sind also der Mann aus dem Westen.« »1.700 D-Mark gibt der RKV (Rahmenkollektivvertrag) monatlich her. Mehr kann ich Ihnen nicht bieten. Bei all den Problemen hier, die juristische Beratung verlangen, habe ich überhaupt keine andere Wahl. Ich brauche einen West-Juristen.« Am 10. August 1990 war Arbeitsbeginn. »Am Anfang waren eigentlich alle sehr freundlich und euphorisch, bis dann die Treuhand kam und das Betriebssterben begann. Bei all dem Chaos, das in dieser Übergangsphase leicht hätte zur Anarchie führen können, herrschte Aufbruchstimmung. Die Bürger forderten Rechtsberatung ein und gaben sich bei mir die Klinke in die Hand: Betrug durch Zeitungswerber, Machtmissbrauch, Grundstücksfragen, das leidige Generalsspiel.« Angekommen ist Rolf Lindemann in der Region, hat in einem kleinen Dorf bei Beeskow gebaut, eine Familie gegründet. Landrat Schröter hatte ihn sich als seinen Nachfolger gewünscht, doch so weit ist dieser 2002 noch nicht. Erst 2017 wird Lindemann Landrat und führt die Verwaltung bis 2023.

Bei all dem Chaos (…) herrschte Aufbruchsstimmung.

Tauche

Neubaublock in Tauche

Tauche

Kartenansicht Erstes Zuhause für den »Zuzügler«: ein Neubaublock in Tauche (Foto: Andreas Batke)

»Wir wohnen zusammen«

Helene Tews

Helene Tews

Helene Tews

Helene Tews in ihrem магазин Дружба (Foto: Andreas Batke)

»Wir wohnen zusammen«

Aus der Kirgisischen Sowjetrepublik nach Eisenhüttenstadt

Helene Tews’ Weg nach Eisenhüttenstadt beginnt in der Kirgisischen Sowjetrepublik. Dort ist sie geboren. Ihr Vater wurde noch in der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geboren. » Alle sprachen dort deutsch.« Aber 1941, als Hitler die Sowjetunion überfällt, wird die Republik aufgelöst und die deutschsprachige Bevölkerung von der Wolga nach Osten deportiert. Nach Sibirien, Kasachstan, Kirgisien. Dort treffen sich Helenes Eltern. Später ziehen sie mit der Zehnjährigen nach Нововаршавка in der Омская область. »Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, in dem alle russisch sprachen. Nur zuhause haben meine Eltern deutsch gesprochen. Mein Bruder hat es auch noch gelernt – ich nicht.« »Der Krieg war immer ein Thema. Wir waren Deutsche, wir waren die Faschisten«, erzählt Helene Tews. Das begleitet sie. Aber nach der Wende gibt es eine Chance. Deutschland öffnet die Grenze für Russlanddeutsche. 1992 packt auch die Familie von Helene Tews. Sie sind zu zwölft. Helene, ihr Mann, drei Kinder. Ihr Bruder, seine Frau, drei Kinder. Ihre Eltern. Sie kommen unter, wo man sie hinschickt, weil dort Platz ist: Bärenstein im Erzgebirge, Peitz, Ernst-Thälmann-Siedlung (Ziltendorf). »Die Sprache war eine Hürde. Viele von unseren Leuten konnten nicht mehr in ihren Berufen arbeiten. Sowjetische Lehrer gingen putzen, als sie nach Deutschland kamen.« Helene Tews aber hat Glück: Ihr Mann findet Arbeit. Eine Firma stellt ihn als Baggerfahrer ein. »Nach einem Jahr haben wir dann eine Wohnung in Eisenhüttenstadt bekommen. Fünf Jahre später haben wir in Vogelsang Land gekauft und gebaut. Selber.« Ihr магазин дружба – Russischer Spezialitätenhandel eröffnet Helene Tews 2013 auf der Lindenallee. Die Lage ist gut. Aber die Fläche winzig. Im Wohnkomplex 6 ist sie jetzt näher an der Kundschaft.

Die Sprache war eine Hürde.

Eisenhüttenstadt

магазин дружба

Eisenhüttenstadt

Kartenansicht Blick auf das магазин дружба (Foto: Andreas Batke)

Eisenhüttenstadt

Mosaik »Weltall, Erde, Mensch«

Eisenhüttenstadt

Kartenansicht Hat die Zeit überdauert: Mosaik »Weltall, Erde, Mensch« im Wohnkomplex 6 in Eisenhüttenstadt (Foto: Andreas Batke)

Kugeltopf

Kugeltopf aus dem 13./14. Jahrhundert

Kugeltopf

Kugeltopf aus dem 13./14. Jahrhundert (Foto: René Arnold)

Und in der Pause einen »Kurzen«

Storkow

Luftbild Plukon, Storkow

Storkow

Kartenansicht Luftbild des früheren, heute zu Plukon gehörenden KIM Storkow. Bis zu 170.000 Hähnchen werden dort pro Tag geschlachtet. (Foto: Andreas Batke)

Und in der Pause einen »Kurzen«

»…und morgen kommen die Polinnen«

Ein dunkelblauer IFA W50 mit Hänger fährt durch Rieplos bei Storkow. Auf der Ladefläche stehen Drahtkäfige mit weißer Füllung; das Gespann blinkt rechts und fährt aus dem Bild. Die Kamera verharrt auf einem Schild am Abzweig, sodass wir lesen: »VEB« (Volkseigener Betrieb), darunter »KIM« (Kombinat für industrielle Mast). So beginnt der Dokumentarfilm »…und morgen kommen die Polinnen«. Gedreht wurde 1974 im Geflügelschlachthof Storkow. Die Kamera begleitete Arbeitswege, Versammlungen und Feste. Einer Frau kam sie dabei besonders nahe. Der Vorarbeiterin Christa Klingner. Als politisch gefestigte, redegewandte, alleinerziehende Frau mit einfacher Herkunft erfüllte sie wohl alle Wünsche der Filmautoren Gitta Nickel und Wolfgang Schwarze. Ihre Tochter Sylvia, im Film noch Abiturientin in Beeskow, war schon als Jugendliche Ferienarbeiterin im Betrieb der Eltern. Heidrun Ebel kommt 1972 zu KIM. Die Zusammenarbeit mit den Polen, überhaupt das Betriebsklima »der« KIM ist ihr in guter Erinnerung. Der regelmäßige Arbeitsplatzwechsel am Band, Gesang, Sprachunterricht in derbem Polnisch, heimliche »Kurze« in den Pausen im Toilettenvorraum machten das Schlachten erträglich und brachte die Menschen der Nachbarländer einander näher. Bärbel Kultus verantwortete bis 1999 die Personalpolitik am Standort. KIM Storkow schildert sie als DDR-Vorzeigebetrieb. Die Polinnen sollten helfen, Arbeitsplatzlücken in der Schlachtung zu füllen und dem Bruderstaat Erfahrung in industrieller Geflügelschlachtung für geplante Industrieanlagen zu verschaffen. Das Regierungsabkommen mit der VR Polen lief bis 1987.

Atme tief die Luft ist selten, heute geh’n die Schweine zelten.

»…und morgen kommen die Polinnen« – Szenenfoto von den Dreharbeiten

Szenenfoto der Dreharbeiten von »...und morgen kommen die Polinnen«

»…und morgen kommen die Polinnen« – Szenenfoto von den Dreharbeiten

Christa Klingner (l.) und Regisseurin Gitta Nickel beim Dreh des Films »…und morgen kommen die Polinnen« (1974) Foto: Nachlass Christa Klingner

»Wir arbeiten immer«

Ngoc Thuan Ho

Ngoc Thuan Ho

Ngoc Thuan Ho

Eine Pause macht Ngoc Thuan Ho nur, wenn der Fotograf kommt. (Foto: Andreas Batke)

»Wir arbeiten immer«

Nur sonntags bleibt der Imbiss zu

Ngoc Thuan Ho arbeitet 12 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Nur sonntags bleibt sein Imbiss »Mr. Ho« in einer Frankfurter Einkaufspassage geschlossen. »Wir arbeiten immer« – so begründet er, warum Vietnamesen seiner Meinung nach in Deutschland weniger Probleme mit Ausländerfeindlichkeit hätten als andere Migranten. Im September 1988 verlässt Ho seine Heimat, in der rund die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt. Anders als für viele seiner Landsleute, die sich über einen Arbeitsaufenthalt in der DDR finanzielle Hilfe für ihre Familien in der Heimat erhoffen, ist es bei Thuan Ho jedoch eher Abenteuerlust, die ihn in die Ferne treibt. Grundlage ist der am 11. April 1980 geschlossene Vertrag beider Länder, der die Entsendung von vietnamesischen Arbeitskräften in das sozialistische Bruderland regelt. Die Vietnamesen bilden bis 1989 die größte Gruppe solcher Vertragsarbeiter: Zuletzt beträgt ihre Zahl etwa 60.000. Thuan Ho wird dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Leuna-Werke »Walter Ulbricht« südlich von Halle zugeteilt und beginnt an der Berufsschule in Leuna eine Schlosserlehre. Dann fällt die Mauer. Trotz Verbotes fährt er nach Ost-Berlin, stellt einen Asylantrag, landet schließlich im Westerwald, wo er schnell einen Job findet. Der Einigungsvertrag billigt allen ehemaligen Vertragsarbeitern lediglich ein Bleiberecht für die ursprünglich mit der DDR geschlossene Vertragszeit zu. Erst 1997 werden sie den Arbeitsmigranten der BRD gleichgestellt. Thuan Ho wird im Jahr 2000 eingebürgert. Als ein Kollege in Frankfurt (Oder) seinen Imbiss aufgibt, ziehen er und seine Frau aus Dresden nach Brandenburg. Und bleiben.

Natürlich wurden wir auch in der DDR schief angeguckt.

Frankfurt (Oder)

»Mr. Ho«

Frankfurt (Oder)

Kartenansicht Trägt seinen Chef im Namen – Blick in den Frankfurter Imbiss »Mr. Ho« (Foto: Andreas Batke)

Hos Ausweispapiere

Hos Ausweispapiere

Hos Ausweispapiere

Hos Ausweispapiere aus der Zeit, als er in die DDR gekommen ist. (Foto: Andreas Batke)

Hausaltar

vietnamesischer Hausaltar

Hausaltar

vietnamesischer Hausaltar von Ngoc Thuan Ho (Foto: René Arnold)

Arbeitsanzüge

Arbeitsanzüge »Made in Vietnam«

Arbeitsanzüge

Arbeitsanzüge »Made in Vietnam« (Foto: René Arnold)

Ein Stück Brandenburg gepflanzt

Pedro Chibule

Pedro Chibule

Pedro Chibule

Pedro Chibule kam 1981 nach Deutschland, um eine Ausbildung als Forstfacharbeiter zu machen. (Foto: Andreas Batke)

Ein Stück Brandenburg gepflanzt

Kiefern, so klein wie ein Daumen

In Müllrose nah am Campingplatz gibt es ein Waldstück mit hohen, gerade gewachsenen Kiefern. Pedro Chibule hat sie vor 40 Jahren gepflanzt. Damals waren sie noch klein wie ein Daumen. Im Jahr 1981 flog Pedro von Mosambik in die DDR, um vier Jahre lang als Vertragsarbeiter eine Ausbildung als Forstfacharbeiter zu machen. 41 junge Männer, alle etwa zwischen 18 und 20, kamen dazu nach Müllrose in den staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb. Das Vertragsarbeiterprogramm versprach eine Fachausbildung, um das sozialistische Mosambik, das gerade die portugiesische Kolonialherrschaft abgeschüttelt hatte, beim Aufbau zu unterstützen. Schon als er ankam, erzählt Pedro, sei er in einer Familie gelandet, weil die Unterkunft, in der sie wohnen sollten, noch nicht fertig war. Aber auch später, als alle 41 jungen Männer in die Wohnstätte eingezogen waren, waren sie oft bei Leuten zu Gast. »Manche waren wie Gastfamilien für uns. Wir waren zum Essen da, zum Grillen, zu Festen.« In Angst lebte Pedro nie. Viel wichtiger ist ihm zu erzählen, wie viel Leben damals in den Dörfern und kleinen Städten war. Als seine Zeit als Vertragsarbeiter um war, stellte man ihm frei, ob er in der DDR bleiben wollte. Weil in Mosambik inzwischen Bürgerkrieg war, bestand das Land nicht auf Rückführung seiner Arbeitskräfte. Für Pedro war die Sache klar. Er hatte eine Freundin, sein erstes Kind war schon unterwegs. Es gab nichts, was er in Mosambik vorhatte, aber einiges, das ihn inzwischen mit Müllrose verband.

Eigentlich wäre ich lieber Automechaniker geworden.

Müllrose

Müllroser See

Müllrose

Kartenansicht Blick in die Baumkronen des von Pedro Chibule in den 1980er-Jahre gepflanzten Forstes am Müllroser See. (Foto: Andreas Batke)

Erinnerungsfotos von Pedro Chibule

Fotos aus den 1980 er Jahren von Pedro Chibule aus Müllrose

Erinnerungsfotos von Pedro Chibule

Fotos aus den 1980 er Jahren von Pedro Chibule aus Müllrose (Foto: René Arnold)

Zu Hause in der Sargtischlerei

Maria Sibylla Ponizil und Johanna Görke-Cassirer

Marie Sibylla Ponizil & Johanna Görke-Cassirer

Maria Sibylla Ponizil und Johanna Görke-Cassirer

Von Ost nach West und wieder zurück: Marie Sibylla Ponizil (l.) und Johanna Görke-Cassirer (Foto: Andreas Batke)

Zu Hause in der Sargtischlerei

Großzügige Arbeitsräume für eine Künstlerin

Johanna Görke-Cassirer studierte von 1961 bis 1966 in Berlin-Weißensee und konnte sich danach schnell im Kunstbetrieb etablieren. In Woltersdorf bei Berlin fand die Malerin und Grafikerin eine Möbel- und Sargtischlerei, die verkauft werden sollte. Furchtlos übernahm sie das Grundstück, das ihr großzügige Arbeitsräume bot. Ende der 1970er-Jahre lernte Johanna Görke-Cassirer Maria Sibylla Ponizil kennen, die gerade ihr Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst abgeschlossen hatte. 1982 wurde die junge Künstlerin eingeladen, sich an dem Projekt »Prometheus 82« zu beteiligen. Weil sie sich vor allem mit gescheiterten Visionen auseinandersetzten, wurden Mappe und Ausstellungen jedoch sofort eingezogen und untersagt. Maria Sibylla Ponizil hatte anschließend mit Ausstellungsverboten und Zurücksetzungen zu kämpfen. Zur gleichen Zeit geriet ihre Partnerin ins Visier der Staatssicherheit, weil sie Rainer Eppelmanns und Robert Havemanns »Berliner Appell: Frieden schaffen ohne Waffen« an Bekannte weitergegeben hatte. Landesverrat wurde ihr vorgeworfen und man gab ihr zu verstehen, »wenn ich in den Westen gehen wollte, würden sie mir keine Steine in den Weg legen«. Also packten die beiden Künstlerinnen 1984 ihre Sachen und verließen Woltersdorf. Sie landeten in Blomberg bei Detmold, konnten arbeiten, genossen es, quer durch Europa zu reisen. Als sie wenige Jahre nach dem Mauerfall ihre Unterkunft wechseln müssen, stellt sich jedoch die Frage, bleiben oder gehen? »Wir haben in Woltersdorf eine Perspektive für uns gesehen«, sagt Maria Sibylla Ponizil.

Wir haben in Woltersdorf eine Perspektive für uns gesehen.

Woltersdorf

Haus in Woltersdorf

Woltersdorf

Kartenansicht 1984 mussten die Künstlerinnen ihr Haus in Woltersdorf verlassen – nach der Wende kehrten sie zurück. (Foto: Andras Batke)

Woltersdorf

Skizzenblätter der Woltersdorfer Künstlerinnen

Woltersdorf

Kartenansicht Skizzenblätter im Atelier der Woltersdorfer Künstlerinnen Maria Sibylla Ponizil und Johanna Görke-Cassirer (Foto: Andreas Batke)

Schallplatte von Wolf Biermann

Langspielplatte »Wolf Biermann. Warte nicht auf beßre Zeiten«

Schallplatte von Wolf Biermann

Langspielplatte »Wolf Biermann. Warte nicht auf beßre Zeiten« (Foto: René Arnold)

Von »Freunden« besetzt

Fürstenwalde

ehemalige Schießanlage bei Fürstenwalde

Fürstenwalde

Kartenansicht Überreste einer Schießanlage der sowjetischen Armee bei Fürstenwalde (Foto: Andreas Batke)

Von »Freunden« besetzt

Als die »Russen« vor der Haustür lebten

Bernd Heinze hat sie erlebt: die Russen. Direkt vor seiner Haustür. »Russen« zu sagen war verpönt in der DDR. Zu negativ belastet. Und auch geografisch falsch: Schließlich stammten die siegreichen Soldaten der Roten Armee aus der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Nun regierten sie in Berkenbrück. »Die meisten lebten, zumindest in den ersten Jahren nach 1945, in heute noch sichtbaren Senken im Wald, wo sie in ausrangierten Fahrzeugteilen schliefen.« Zu dieser Zeit war Bernd Heinze fünf Jahre alt. Mit einer Nachbarin ist er öfter zu den Russen gegangen, um sich Suppe und Brot zu holen. Denn hinter seinem Wohnhaus standen sie mit Gulaschkanonen. In den zwölf Jahren, in denen die Besatzer in Berkenbrück lebten, waren ganze Straßen im Ort gesperrt. »Nach Fürstenwalde kam man eine Zeitlang nur über die Autobahn oder über Feldwege.« Im März 1957 zog die in Berkenbrück stationierte Einheit nach Wilmersdorf bei Beeskow, ein Teil ins Tanklager im Wald zwischen Fürstenwalde und Berkenbrück. Das 47 Hektar große Areal gehörte zur Garnison Fürstenwalde, das in den Unterlagen der Sowjets als »Militärstädtchen 18« bezeichnet wurde. Aus »Russen« wurden staatlich verordnete »Freunde«. Allerdings: »Wenn die russischen Soldaten zu Fußball- oder Volleyballturnieren zu uns ins Dorf gebracht wurden«, sagt Heinze, »durften sie im Anschluss nicht bleiben und mitfeiern. Es sollten ja keine zwischenmenschlichen Kontakte entstehen.« Anfang der 1990er-Jahre waren die Russen auf einmal »sang- und klanglos weg«, erzählt Heinze. Es habe keine Verabschiedung und später auch keine Kontakte gegeben.

Ich war mit Alexej befreundet.

Storkow

Soldatenfriedhof Storkow

Storkow

Kartenansicht Sowjetischer Soldatenfriedhof in Storkow (Foto: Andreas Batke)

Neues Glück an der Spree

Neu Zittauer Heimatstube

Neu Zittauer Heimatstube

Neu Zittauer Heimatstube

Kartenansicht Blick in die Neu Zittauer Heimatstube (Foto: Andreas Batke)

Neues Glück an der Spree

Neugründung im 18. Jahrhundert

Die Dorfkirche von 1763 und einige kleine Kolonistenhäuser bilden den alten Dorfkern von Neu Zittau. In einem dieser Häuschen befindet sich heute die »Heimatstube«. Marlies Zibolsky, Vorsitzende des Heimatvereins, weiß viele Geschichten über den Ort an der Spree zu erzählen. Etwa jene von dem Kriegs- und Domänenrat Johann Friedrich Pfeiffer, der im Auftrag Friedrichs II. im 18. Jahrhundert mehr als 100 Siedlungen gründete, darunter auch Neu Zittau. Friedrich II. trieb zu dieser Zeit die Binnenkolonisierung in dünn besiedelten Landstrichen Preußens voran. Im Umkreis von Berlin sollten zunächst sogenannte Spinnerdörfer entstehen, zur Etablierung der einheimischen Textilwirtschaft. »Daran erinnert der Ortsname Neu Zittau, denn die neuen Siedler sollten aus Zittau in der sächsischen Oberlausitz angeworben werden – einem Zentrum der Weberei«, erklärt Marlies Zibolsky. Der Name Neu Zittau blieb erhalten, auch wenn die Kolonisten aus anderen sächsischen Landesteilen, aus Württemberg und Böhmen herzogen. Jede Familie erhielt eine von 50 Doppelhaushälften, ein Stück Acker- und Gartenland sowie das Recht, eine Kuh, zwei Schweine und Federvieh zu halten. Aber der Plan ging nicht auf. »Der Dorfschulze besorgte beispielsweise schlechte Wolle aus Berlin und das Garn wurde dann nicht abgenommen.« Von 91 Familien, die seit 1752 angesiedelt worden waren, verließen acht mit königlicher Genehmigung rasch wieder den Ort. 30 Familien zogen ohne Erlaubnis davon. Stattdessen brachte das Schiffergewerbe Wohlstand nach Neu Zittau. Mit der Beförderung von Kohle aus Oberschlesien, von Rüdersdorfer Kalkstein, Blei und Zink ließ sich mehr Geld verdienen als mit der Spinnerei.

Das Schiffergewerbe (…) brachte den Wohlstand nach Neu Zittau.

Heimatstube in Neu Zittau

Heimatstube Neu Zittau

Heimatstube in Neu Zittau

Kartenansicht Die Heimatstube ist in einem der ehemaligen Kolonistenhäuser untergebracht. (Foto: Andreas Batke)

Steuerruder

Steuerruder

Steuerruder

Steuerruder Steuerruder für Frachtkahn (Foto: René Arnold)

Ein Waggon voller Erinnerungen

Eugeniusz Niparko

Eugeniusz Niparko

Eugeniusz Niparko

Eugeniusz Niparko hält die Traditionen seiner Heimat von der Ernte bis zum Backen wach. (Foto: Andreas Batke)

Ein Waggon voller Erinnerungen

Als Katholiken zur Ausreise gezwungen

Es ist der 16. Oktober 1945. In Bereza Kartuska, einer Kleinstadt in Polesien östlich von Brest, packt Zofia Niparko ihre Habe auf ein Fuhrwerk, fährt zum Bahnhof im nahen Błudeń und besteigt die bereitstehenden Waggons. Freiwillig geht Zofia Niparko nicht, sie wird zur Ausreise gezwungen. »Als Katholiken waren meine Eltern für die sowjetischen Behörden Polen, sie mussten weg«, erzählt ihr Sohn Eugeniusz Niparko. Etwa 1,7 Millionen Polinnen und Polen wurden zwischen 1944 und 1946 aus den Regionen ausgesiedelt, die an die Sowjetunion gefallen waren. Seit 1945 heißt Bereza Kartuska Bjarosa-Kartusskaja, aus Błudeń wurde Pierszamajskaja. Es ist dasselbe Jahr, in dem auch Balkow seinen Namen wechselt. Auf Polnisch heißt das Dorf bei Ziebingen nun Białków, es gehört zur Gemeinde Cybinka unweit von Słubice. Am 2. November 1945 kommt der Transport aus Błudeń in Cybinka an. Von dort geht es mit dem Fuhrwerk nach Białków, dem Dorf, von dem sie gehört haben, dass alle Deutschen bereits weg sind. Die Strecke, die der Zug zurückgelegt hat, ist rot eingezeichnet auf einer Landkarte im Freilichtmuseum von Białków. Der ganze Stolz von Eugeniusz Niparko aber gilt dort dem Waggon, den er auf ein 50 Meter langes Gleis hat setzen lassen. Ein Originalwaggon aus der Zeit der Transporte. »Ich bin hier in Białków zuhause«, erzählt Niparko. Doch die Erinnerung an das Leben in Polesien soll nicht verblassen. »Die ehemaligen Bewohner von Balkow«, sagt Niparko, »waren schon hier und haben sich das Museum angeschaut. Wir teilen als polnische und deutsche Vertriebene das gleiche Schicksal.«

Das ist hier unsere väterliche Heimat geworden.

Białków

Umzug während des Brotfestes in Białków (Foto: Andreas Batke)

Białków

Kartenansicht Umzug während des Brotfestes in Białków (Foto: Andreas Batke)

Wyschywanka

Wyschywanka ist ein besticktes Hemd und ein fester Bestandteil der ukrainischen Nationaltracht.

Wyschywanka

Wyschywanka ist ein besticktes Hemd und ein fester Bestandteil der ukrainischen Nationaltracht. (Foto: René Arnold)

Bastschuhe

Bastschuhe dienen als Abwehrzauber oder zum Transport des Hausgeistes beim Umzug.

Bastschuhe

Bastschuhe dienen als Abwehrzauber oder zum Transport des Hausgeistes beim Umzug. (Foto: René Arnold)

»Jetzt könnt ihr heim ins Reich«

Frieda Hülsenitz

Frieda Hülsenitz in ihrem Haus in Kuhnshof

Frieda Hülsenitz

Frieda Hülsenitz in ihrem Haus in Kuhnshof (Foto: Andreas Batke)

»Jetzt könnt ihr heim ins Reich«

Erst Flucht, dann Vertreibung

Frieda Hülsenitz ist 1930 als Frieda Richter in Berloge im Kreis Crossen geboren, ein Gebiet, das bis 1945 zu Deutschland gehörte. Jetzt liegt es in Polen. Mit dem Vorrücken der Roten Armee flieht Familie Richter mit ihren fünf Kindern nach Wußwerk in den Spreewald. Als sie im Mai 1945 zurückkehrt, ist der Heimatort jedoch längst von Polen besetzt. Am 23. Juni 1945 werden alle Deutschen aus dem Dorf zur Neiße getrieben. »Jetzt könnt ihr heim ins Reich«, sagt der Soldat an der Grenze zur 15-jährigen Frieda. Irgendwann kommt die Familie in Friedland an. Ein offener Empfang bleibt ihr jedoch verwehrt. Als Flüchtlinge werden sie auch mit Argwohn betrachtet. Sarkow und Glowe bilden mit Kuhnshof die drei Gutshöfe, in denen die gesamte Berloger Dorfgemeinschaft untergebracht wird. Es erfolgt eine Aufteilung enteigneter Ländereien und Felder. Kuhnshof, wo die Richters landen, sieht man dabei als eher schlechte Zuteilung an. Wachsen kann dort nicht viel, das Essen bleibt knapp. »Ich weiß nicht, wie wir überleben konnten.« Die Schwestern Anita und Frieda müssen betteln, um für die kleinere Regina etwas Milch zu ergattern. Die Steckrüben werden bei den Bauern gestohlen. Kuhnshof ist ein Beispiel für die Bevölkerungsverschiebung, die unter Historikern heute als die größte Zwangsumsiedlung der Menschheitsgeschichte beschrieben wird. Die Zahl der vertriebenen und geflüchteten Deutschen aus den deutschen Ostgebieten nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird auf zwölf bis 14 Millionen geschätzt.

Ich weiß nicht, wie wir überleben konnten.

Kuhnshof

Helga Döbis, Gisela Pelz und Frieda Hülsenitz vor dem Gutshaus in Kuhnshof

Kuhnshof

Kartenansicht Helga Döbis (v.l.), Gisela Pelz und Frieda Hülsenitz vor dem ehemaligen Gutshaus in Kuhnshof (Foto: Andreas Batke)

Barłogi

Barłogi

Barłogi

Kartenansicht In Barłogi ist Frieda Hülsenitz 1930 geboren, damals hieß es noch Berloge. (Foto: Andreas Batke)

Hochzeitsgesellschaft in Kuhnshof

Hochzeit in Kuhnshof

Hochzeitsgesellschaft in Kuhnshof

Hochzeitsfoto von Helga Döbis vor dem Gutshaus in Kuhnshof