Anker und Motor der Satdt
Hans-Jürgen Woldt
Hans-Jürgen Woldt
Hans-Jürgen Woldt hat selbst im Werk gearbeitet. (Foto: Andreas Batke)
Vom Motor zum Auslaufmodell
Mehr als 80 Jahre lang war Fürstenwalde auf das Engste mit der Reifenproduktion verbunden. Geht es nach dem derzeitigen Eigner des Reifenwerkes, dem US-amerikanischen Unternehmen Goodyear, wird diese wegen anhaltender Schwierigkeiten auf dem Kautschukreifenmarkt 2027 eingestellt. In einem Betrieb, der zu DDR-Zeiten bis zu 4.500 Beschäftigte zählte, werden es dann (Stand Mitte 2024) noch 222 sein. Zum Jahrestag der Gründung der Deka GmbH, Werk 2 Ketschendorf – dem Ursprung des Großbetriebes – hat Hobby-Heimatforscher Hans-Jürgen Woldt unter dem Titel »Profilspuren – 80 Jahre Reifenwerk Fürstenwalde« ein Buch geschrieben. Er selbst hat von 1977 bis 1994 bei Pneumant (Pneu von Luft und Mantille für Mantel) gearbeitet. Die Entwicklung des Standortes geht auf die jüdische Familie Hirschmann zurück. Diese hatte sich für die Erweiterung ihres Kabelwerkes an der Boxhagener Straße in Berlin, die »Deutsche Kabelwerke AG« (Deka), mangels Industrieflächen in der Metropole ins Umland begeben. Ab 1933 drängten die Nationalsozialisten die Hirschmanns aus ihrer Firma. 1937 begann der Bau einer Produktionsstätte für die Herstellung von Reifen sowie Gummierzeugnissen für Panzer und Artilleriegeschütze. 1946 wurde mit dem Befehl Nr. 84 der Sowjetischen Militäradministration der Wiederaufbau als Volkseigener Betrieb (VEB) in Gang gesetzt. Für die folgenden vier Jahrzehnte war das Reifenwerk nicht nur größter Arbeitgeber der Stadt, es hat auch das gesellschaftliche Leben, vor allem in Süd, geprägt. Die komplette Neuorganisation des Alltags nach 1989 nennt Woldt dann »den Einschnitt überhaupt«. Das Reifenwerk war wie eine Stadt in der Stadt. Alles, was nicht unmittelbar zur Produktion gehörte, wurde aufgegeben – ob betriebliche Kitas, Lehrlingswohnheim, Betriebswohnungen, Ferienheim, Ausbildungsstätten, ärztliche Betreuung, Sport- und Kultureinrichtungen.
Das Reifenwerk war (…) sozialer Anker sowie Motor in der Stadt.
Pneumant Fürstenwalde
Pneumant Fürstenwalde
Kartenansicht Eingang zum Werksgelände mit Unterschriftenlisten für den Standorterhalt (Foto: Andreas Batke)