Der Mann aus dem Westen

Rolf Lindemann

Rolf Lindemann

Rolf Lindemann

Nach mehr als drei Jahrzehnten hat Rolf Lindemann in der Region Wurzeln geschlagen. (Foto: Andreas Batke)

Der Mann aus dem Westen

Aus dem Ruhrpott an die Spree

Rolf Lindemann, ein junger Verwaltungsjurist aus Kamen/Westfalen, der im Dezember 1989 sein 2. Staatsexamen abgelegt hat, ist auf der Suche nach einer ersten Arbeitsstelle. Über einen SPD-Mann aus Zeust war er durch die Städtepartnerschaft Beeskow–Kamen auf das Städtchen an der Spree gestoßen. Unkompliziert und mit einer entspannten Direktheit, so hatte er die Menschen hier bisher erlebt. Ohne jede Pose, mit kräftigem Händedruck, der ein wenig schmerzte, als ihn Jürgen Schröter, Tierarzt und erster Landrat des Kreises Beeskow, mit den Worten begrüßte: »Und Sie sind also der Mann aus dem Westen.« »1.700 D-Mark gibt der RKV (Rahmenkollektivvertrag) monatlich her. Mehr kann ich Ihnen nicht bieten. Bei all den Problemen hier, die juristische Beratung verlangen, habe ich überhaupt keine andere Wahl. Ich brauche einen West-Juristen.« Am 10. August 1990 war Arbeitsbeginn. »Am Anfang waren eigentlich alle sehr freundlich und euphorisch, bis dann die Treuhand kam und das Betriebssterben begann. Bei all dem Chaos, das in dieser Übergangsphase leicht hätte zur Anarchie führen können, herrschte Aufbruchstimmung. Die Bürger forderten Rechtsberatung ein und gaben sich bei mir die Klinke in die Hand: Betrug durch Zeitungswerber, Machtmissbrauch, Grundstücksfragen, das leidige Generalsspiel.« Angekommen ist Rolf Lindemann in der Region, hat in einem kleinen Dorf bei Beeskow gebaut, eine Familie gegründet. Landrat Schröter hatte ihn sich als seinen Nachfolger gewünscht, doch so weit ist dieser 2002 noch nicht. Erst 2017 wird Lindemann Landrat und führt die Verwaltung bis 2023.

Bei all dem Chaos (…) herrschte Aufbruchsstimmung.

Tauche

Neubaublock in Tauche

Tauche

Kartenansicht Erstes Zuhause für den »Zuzügler«: ein Neubaublock in Tauche (Foto: Andreas Batke)

Die Herrin der Ringe

Yvonne Siedschlag und Katharina Illig

Yvonne Siedschlag und Katharina Illig

Yvonne Siedschlag und Katharina Illig

Yvonne Siedschlag (M.) und Katharina Illig sind mit schwerem Gerät im Einsatz. (Foto: Andreas Batke)

Die Herrin der Ringe

Ein Auge auf den Weißstorch

Yvonne Siedschlag ist ehrenamtliche Vogelberingerin. Seit drei Jahren überwacht und erfasst sie den Weißstorchbestand im Altkreis Luckau. Übernommen hat die Förstertochter das Ehrenamt von der 78-jährigen Katharina Illig. »Beringerin bin ich seit 1973«, erzählt diese, »und mit den Störchen fing das erst 1986 an.« Storch, Kranich, Kuckuck und viele weitere: Sie alle gehören zu den 100 Millionen Zugvögeln, die jeden Herbst oder früher ihre Brutgebiete in Deutschland verlassen und Richtung Süden ziehen. Vögel kennen dabei keine Grenzen und nisten sowohl im Landkreis Dahme-Spreewald als auch in Oder-Spree. Das Gebiet der beiden Ornithologinnen erstreckt sich über 703 Quadratkilometer im Altkreis Luckau bis ins Städtchen Dahme und in Sonderfällen auch in den Landkreis Oder-Spree. Das wichtigste Mittel zur Erfassung und Überwachung von Zugvögeln ist die Beringung. »Das ist der Personalausweis für den Vogel«, betont Katharina Illig. Bei der Größe ihres Gebietes sind die beiden Beringerinnen auf die Hilfe der Menschen aus den Dörfern angewiesen. Sie informieren die Ornithologinnen bei Veränderungen und Problemen. Im März und April zum Beispiel kommen die Störche hier an, bauen ihre Nester, brüten und bleiben bis Ende August, bevor es dann wieder Richtung Süden geht. Yvonne Siedschlag weiß, dass »auch bei den Störchen mittlerweile ein, zwei das ganze Jahr hierbleiben«. Katharina Illig ergänzt: »Das ist natürlich energiesparend, wenn hier kein Schnee mehr liegt und sie Futter finden. Warum sollten sie wegfliegen?« Schuld daran, dass die Störche früher kommen und teilweise ganzjährig bleiben, ist der Klimawandel. Da sind sich die beiden einig.

Der Ring ist der Personalausweis für den Vogel.

Luckau

Beringerin Katharina Illig

Luckau

Kartenansicht Katharina Illig ist seit 1973 Beringerin. (Foto: Andreas Batke)

Junge Störche

Junge Störche

Junge Störche

Junge Störche in einer Kiste: Die Vögel stellen sich tot, wenn Menschen in ihre Nähe kommen. (Foto: Andreas Batke)

»Weißstorch« Präparat

Präparat »Weißstorch (Ciconia ciconia)«

»Weißstorch« Präparat

Präparat »Weißstorch (Ciconia ciconia)« (Foto: René Arnold)

Beringung und Beringungszange

Beringung XOT99 (Hiddensee) (Foto: René Arnold)

Beringung und Beringungszange

Beringung XOT99 (Hiddensee) seit 2021 und Beringungszange 03042 2-Loch (Foto: René Arnold)

Alte Beringung CA018428

Alte Beringung CA018428

Alte Beringung CA018428

Beringung vor 1990 (Foto: René Arnold)

Wenn in der Ferne etwas fehlt

Nadine und Enrico Mraß

Nadine und Enrico Mraß

Nadine und Enrico Mraß

Nadine und Enrico Mraß fühlen sich in der alten Heimat wieder zuhause. (Foto: Andreas Batke)

Wenn in der Ferne etwas fehlt

Einmal um die Welt zum Dämeritzsee

Von Berlin-Hellersdorf nach Erkner sind es schlappe 30 Kilometer. Nadine und Enrico Mraß haben jedoch einen Umweg um die halbe Welt genommen. Zwischen ihrem Kennenlernen in der Plattenbausiedlung und dem Einzug in ihr Haus nahe dem Dämeritzsee liegen nicht nur 19 Jahre, sondern ein halbes Dutzend Ortswechsel. Der größte: Eine Dienstreise führte Enrico im Sommer 2017 für einen Monat ins Silicon Valley (USA). Der Arbeitsalltag, das Team, die Lebensweise, das Klima – all das hatte ihn so stark berührt, dass er auf dem Rückflug dachte: »Warum nicht dort leben?« Die folgenden Jahre sind zweifelsohne etwas Besonderes für die Mraßens geworden. Vieles war so anders. »Für eine Party, einen Ausflug musste uns wegen des Wetters nicht bange sein. Es war immer schön, einfach genial«, sagt Nadine. Öffnungszeiten in Supermärkten beachten? Immer hat etwas geöffnet. Zudem die Freundlichkeit und die Aufgeschlossenheit der Menschen. Zum Problem wurde die Corona-Pandemie. Zwei Todesfälle in der Familie und keine Möglichkeit des unmittelbaren Abschieds haben beiden emotional zugesetzt. Zudem war Sohn Leo 2020 geboren, die Groß- und Urgroßeltern konnten ihn nicht leibhaftig erleben. »Wir fühlten uns wie Gefangene. Die Freiheit, die Leichtigkeit waren weg.« Im August 2021 zog die Mraßens wieder nach Deutschland. Seit Mai 2023 ist die inzwischen vierköpfige Familie – Haley kam im Juni 2022 zur Welt – nun am Dämeritzsee zu Hause. Bis zu den Großmüttern und Urgroßmüttern sind es 30 Minuten. Freunde, Geschwister, sie alle kommen zu Besuch. »Es ist so schön, dass das nun geht«, sagt Nadine.

Wir haben gemerkt, was uns wichtig ist.

Erkner

Dämeritzsee Erkner

Erkner

Kartenansicht Blick auf den Dämeritzsee in Erkner (Foto: Andreas Batke)

Erinnerungsfoto

Erinnerungsfoto Nadine Mraß

Erinnerungsfoto

Nicht nur Fotos erinnern das Paar an seine Zeit in den USA. (Foto: Andreas Batke)

Angekommen

Katharina Maleschka

Katharina Maleschka

Katharina Maleschka

Katharina Maleschka in der Erich-Weinert-Allee in Eisenhüttenstadt an der Plastik »Erdkugel« von Axel & Cornelia Schulze (Foto: Andreas Batke)

Angekommen

Zum Studium nach Berlin

Bis zu ihrem Studium lebt Katharina Maleschka mit ihrem Bruder Martin und ihren Eltern in Eisenhüttenstadt. Sie träumt davon, Zahnärztin zu werden. Dafür geht sie nach Berlin. »Genau das ist das Problem hier in Eisenhüttenstadt«, erklärt ihr Bruder Martin. »Nach der Schule muss man weggehen, es gibt kaum Perspektiven auf eine Berufsausbildung und keine Studienmöglichkeiten. Die Meisten kommen dann nicht wieder.« Die Annonce des norwegischen Arbeitsamtes, dass Zahnärzte im öffentlichen Gesundheitssystem gesucht werden, liest Katharina 2006 im Zahnärzteblatt und entscheidet sich, ihre zweijährige Assistenzzeit im mittelnorwegischen Surnadal zu verbringen. Der Umzug und der Sprachkurs werden vom öffentlichen Zahngesundheitsdienst bezahlt, daran geknüpft ist die Bedingung, zwei Jahre am gewählten Ort zu bleiben. Das norwegische Gesundheitssystem beschreibt Katharina als sozial gerecht und ressourcenschonend. Es gibt nur eine staatliche Krankenversicherung, Beiträge dazu werden von den Steuern abgezogen. Ungefähr drei Wochen nach ihrer Ankunft in Norwegen lernt Katharina ihren Mann Jarle kennen und zieht mit ihm nach Oslo. »Ich fand Skandinavien schon immer interessant«, schwärmt sie. Zur Jugendweihe habe sie sich eine Reise nach Norwegen zum Nordkap gewünscht und bekommen. Heute sieht sich Familie Maleschka drei- bis fünfmal im Jahr, zum Beispiel während des Sommerurlaubes von Katharina und ihrer vierköpfigen Familie. Zurück nach Deutschland will sie auf keinen Fall! Sie ist angekommen in Norwegen – und glücklich.

Nach der Schule muss man
weggehen.

Eisenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt

Kartenansicht Blick auf Eisenhüttenstadt – seit Katharina Maleschkas Kindheit hat sich dort viel verändert. (Foto: Andreas Batke)

Martin Maleschka

Martin Maleschka

Martin Maleschka

Martin Maleschka (r.) gibt einem Team der ARD-»Tagesthemen« ein Interview zum Thema »Zurückkommen«. (Foto: Andreas Batke)

Wie eine große Familie

Michelle Mercado-Paredes, Mae Bales Clouien, Eleazar Nofies, Kerstin Kurz, Scarlett Staudte

Michelle Mercado-Paredes, Mae Bales Clouien, Eleazar Nofies, Kerstin Kurs, Scarlett Staudte

Michelle Mercado-Paredes, Mae Bales Clouien, Eleazar Nofies, Kerstin Kurz, Scarlett Staudte

Teamarbeit: die Krankenschwestern Michelle Mercado-Paredes (v.l.) und Mae Bales Clouien, Krankenpfleger Eleazar Nofies, Pflegedienstleiterin Kerstin Kurs und Integrationsmanagerin Scarlett Staudte (Foto: Andreas Batke)

Wie eine große Familie

Neuanfang fern der Heimat

Zar Nofies arbeitet bereits mehr als acht Jahre in der MEDIAN Klinik Grünheide, Mae Bales Clouien nicht viel weniger. Die beiden studierten Krankenpfleger gehörten zu den ersten ausländischen Fachkräften, die dort angestellt wurden. Seit der Klinik-Gründung vor 30 Jahren konzentriert sich das Geschehen auf die Rehabilitation von Patienten unter anderem nach Hirnschäden durch Schlaganfälle, Blutungen oder auch Rückenmarksverletzungen. Rund die Hälfte der Beschäftigten – etwa 270 – sind direkt in der Pflege angestellt. Seit 2016 rekrutiert die MEDIAN Klinik mit Blick auf den Fachkräftemangel auch ausgebildete Kräfte im Ausland. Rund 80 solcher Pflegekräfte – vor allem von den Philippinen, aus Vietnam, China, Tunesien und Albanien – gehören zum Team. »So viele Mitarbeiter vor Ort zu kriegen, ist faktisch unmöglich«, sagt Integrationsmanagerin Scarlett Staudte. Pflegedienstleiterin Kerstin Kurz kann sich noch gut an die Anfangszeit erinnern: »Wir haben unsere Neuen immer an die Hand genommen«, sagt sie. »Wir sind eine große Familie, jeder hilft und unterstützt den anderen.« Etwa ein Dreivierteljahr, bevor die neuen Beschäftigten in Grünheide eintreffen, finden bereits digital erste Gespräche statt. Dann muss ein Visum beantragt werden. Mit dem reformierten Fachkräfteeinwanderungsgesetz sei der weitere Prozess zwar einfacher zu händeln. Dennoch gibt es eine Vielzahl an Aufgaben zu bewältigen. Die Anerkennung der Zeugnisse – auf den Philippinen studieren die Pflegekräfte im Bachelor-Studium sogar teils mit den Ärzten zusammen – zum Beispiel. Mindestens ein halbes Jahr, oft länger, dauere es, bis die Pflegefachkraft dann wirklich mit den Patienten arbeite.

Wir haben unsere Neuen immer an die Hand genommen.

Grünheide

Median Klinik Grünheide

Grünheide

Kartenansicht Blick auf die Grünheider MEDIAN Klinik (Foto: Andreas Batke)

Wechsel des Standortes als Prinzip

Tony Kynast

Berufssoldat Tony Kynast

Tony Kynast

Oberstleutnant Tony Kynast hat die Lagerleitung 2023 übernommen. (Foto: Andreas Batke)

Wechsel des Standortes als Prinzip

Neuanfang alle zwei bis vier Jahre

2015 wurde die Kaserne Schneeberg bei Beeskow der Sitz des Munitionsversorgungszentrums Ost, dem ostdeutschen Knotenpunkt für die Lagerung und Logistik von Munition an den Standorten Schneeberg, Seltz und Walsrode. Dessen Leitung übernahm im Januar 2023 Oberstleutnant Tony Kynast. Das Rotationsprinzip ist Teil der Struktur des Lebens von Berufssoldaten, da sie alle zwei bis vier Jahre den Standort wechseln sollen. Tony Kynasts Soldatenleben beginnt mit einem Studium in München, gefolgt von weiteren Qualifizierungsschritten an verschiedenen Orten in Süddeutschland. Danach hat er das Glück, als junger Offizier für insgesamt 12 Jahre im Logistikbataillon in Burg (Sachsen-Anhalt) zu dienen. Zwischen 2009 und 2020 reist Kynast fünfmal nach Masar-i Scharif in Afghanistan, um dort die Logistik im Camp Marmal zu unterstützen. Die Soldaten verbringen circa vier Monate im Auslandseinsatz, bevor sie für mindestens zwei Jahre zurück nach Deutschland gehen. In Afghanistan lebt und arbeitet Tony Kynast in einem Camp internationaler Bündnispartner. Im Kontrast dazu bewirbt er sich nach Ende seines Einsatzes in Burg für einen Posten im NATO-Stützpunkt Sigonella auf Sizilien, wo er entscheidet, in einer italienischen Ortschaft bei Catania zu leben. Im Oktober 2019 tritt Tony Kynast eine Stelle beim Planungsamt der Bundeswehr in Berlin an und kauft eine Wohnung in der Hauptstadt. Als er den Posten in Schneeberg übernimmt, beginnt für ihn somit ein Leben des Pendelns. In Oder-Spree lebt er sich langsam ein. Tony Kynast betont, er sei keiner, der nach der Arbeit in der Wohnung sitzt. »Nach und nach kommt man in das Leben rein.«

Die Struktur steht an oberster Stelle.

Schneeberg

Munitionslager Schneeberg

Schneeberg

Kartenansicht Blick in das Lager des Munitionsversorgumszentrums Ost in Schneeberg (Foto: Andreas Batke)

Schneeberg

Kaserne Schneeberg

Schneeberg

Kartenansicht Einst war die Kaserne sogar an die Bahn angebunden. Heute würden sich das die Soldaten wieder wünschen. (Foto: Andreas Batke)

Den eigenen Weg finden

Pfarrer Kevin Jessa

Pfarrer Kevin Jessa

Pfarrer Kevin Jessa

Pfarrer Kevin Jessa setzt sich für mehr Transparenz und Offenheit ein. (Foto: Andreas Batke)

Den eigenen Weg finden

Pfarrer mit Interesse für queere Themen

Als Jugendlicher hätte Kevin Jessa von diesem Beruf nicht einmal geträumt. Auf Wunsch seiner Mutter wird er getauft, Religiosität spielt sonst in der Familie eine untergeordnete Rolle. Und doch entscheidet er sich nach einem Freiwilligen Jahr in der Denkmalpflege und einem politischen Praktikum in der Landes-CDU Brandenburg für ein Studium der Evangelischen Religionspädagogik. An der Hochschule spürt Jessa das Interesse für queere Themen; sein wichtigster Professor – schwul und offen für Diversität. Jessa bekommt Rückhalt, outet sich mit 20. Eines seiner wichtigsten Themen in der Studienzeit – die Ehe für alle. Als Vikar wird er für zwei Jahre entsandt in die Evangelische Patmos-Gemeinde in Berlin-Steglitz. Er sieht das als Herausforderung. Dann soll Jessa die erste Pfarrstelle auf Probe annehmen – in Spremberg. Als offen schwuler Pfarrer undenkbar! Jessa hört von einer freien Stelle in Fürstenwalde, schlägt diese vor und darf sie antreten. Doch auch im bischöflichen Dom läuft es nicht immer rund. Zu laut, zu offen, zu divers gestaltet der Neuankömmling seine Predigten. Mittlerweile hat er seine Gemeinde kennengelernt, erfährt viel Wertschätzung. Eine Rede, die den Trauernden einen guten Weg bereitet, oder eine gute Predigt mit Gegenwartsbezug, die keinem »Dauerexamen« gleicht, machen ihn glücklich und zufrieden. Jessa betont, dass noch mehr Reformen in den nächsten Jahren anstehen. Eine davon erfreut ihn besonders: »Bei Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare entfällt auf Beschluss des Kirchenparlaments künftig das Recht von Pfarrern, solche Gottesdienste ablehnen zu dürfen.« Kleine Erfolge, für die es sich lohnt zu kämpfen.

Es ist diverser geworden in meinen Gottesdiensten.

Fürstenwalde

Fürstenwalder Dom

Fürstenwalde

Kartenansicht Blick in den Dachstuhl des Fürstenwalder Doms (Foto: Andreas Batke)

»Wir wohnen zusammen«

Helene Tews

Helene Tews

Helene Tews

Helene Tews in ihrem магазин Дружба (Foto: Andreas Batke)

»Wir wohnen zusammen«

Aus der Kirgisischen Sowjetrepublik nach Eisenhüttenstadt

Helene Tews’ Weg nach Eisenhüttenstadt beginnt in der Kirgisischen Sowjetrepublik. Dort ist sie geboren. Ihr Vater wurde noch in der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geboren. » Alle sprachen dort deutsch.« Aber 1941, als Hitler die Sowjetunion überfällt, wird die Republik aufgelöst und die deutschsprachige Bevölkerung von der Wolga nach Osten deportiert. Nach Sibirien, Kasachstan, Kirgisien. Dort treffen sich Helenes Eltern. Später ziehen sie mit der Zehnjährigen nach Нововаршавка in der Омская область. »Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, in dem alle russisch sprachen. Nur zuhause haben meine Eltern deutsch gesprochen. Mein Bruder hat es auch noch gelernt – ich nicht.« »Der Krieg war immer ein Thema. Wir waren Deutsche, wir waren die Faschisten«, erzählt Helene Tews. Das begleitet sie. Aber nach der Wende gibt es eine Chance. Deutschland öffnet die Grenze für Russlanddeutsche. 1992 packt auch die Familie von Helene Tews. Sie sind zu zwölft. Helene, ihr Mann, drei Kinder. Ihr Bruder, seine Frau, drei Kinder. Ihre Eltern. Sie kommen unter, wo man sie hinschickt, weil dort Platz ist: Bärenstein im Erzgebirge, Peitz, Ernst-Thälmann-Siedlung (Ziltendorf). »Die Sprache war eine Hürde. Viele von unseren Leuten konnten nicht mehr in ihren Berufen arbeiten. Sowjetische Lehrer gingen putzen, als sie nach Deutschland kamen.« Helene Tews aber hat Glück: Ihr Mann findet Arbeit. Eine Firma stellt ihn als Baggerfahrer ein. »Nach einem Jahr haben wir dann eine Wohnung in Eisenhüttenstadt bekommen. Fünf Jahre später haben wir in Vogelsang Land gekauft und gebaut. Selber.« Ihr магазин дружба – Russischer Spezialitätenhandel eröffnet Helene Tews 2013 auf der Lindenallee. Die Lage ist gut. Aber die Fläche winzig. Im Wohnkomplex 6 ist sie jetzt näher an der Kundschaft.

Die Sprache war eine Hürde.

Eisenhüttenstadt

магазин дружба

Eisenhüttenstadt

Kartenansicht Blick auf das магазин дружба (Foto: Andreas Batke)

Eisenhüttenstadt

Mosaik »Weltall, Erde, Mensch«

Eisenhüttenstadt

Kartenansicht Hat die Zeit überdauert: Mosaik »Weltall, Erde, Mensch« im Wohnkomplex 6 in Eisenhüttenstadt (Foto: Andreas Batke)

Kugeltopf

Kugeltopf aus dem 13./14. Jahrhundert

Kugeltopf

Kugeltopf aus dem 13./14. Jahrhundert (Foto: René Arnold)

Und in der Pause einen »Kurzen«

Storkow

Luftbild Plukon, Storkow

Storkow

Kartenansicht Luftbild des früheren, heute zu Plukon gehörenden KIM Storkow. Bis zu 170.000 Hähnchen werden dort pro Tag geschlachtet. (Foto: Andreas Batke)

Und in der Pause einen »Kurzen«

»…und morgen kommen die Polinnen«

Ein dunkelblauer IFA W50 mit Hänger fährt durch Rieplos bei Storkow. Auf der Ladefläche stehen Drahtkäfige mit weißer Füllung; das Gespann blinkt rechts und fährt aus dem Bild. Die Kamera verharrt auf einem Schild am Abzweig, sodass wir lesen: »VEB« (Volkseigener Betrieb), darunter »KIM« (Kombinat für industrielle Mast). So beginnt der Dokumentarfilm »…und morgen kommen die Polinnen«. Gedreht wurde 1974 im Geflügelschlachthof Storkow. Die Kamera begleitete Arbeitswege, Versammlungen und Feste. Einer Frau kam sie dabei besonders nahe. Der Vorarbeiterin Christa Klingner. Als politisch gefestigte, redegewandte, alleinerziehende Frau mit einfacher Herkunft erfüllte sie wohl alle Wünsche der Filmautoren Gitta Nickel und Wolfgang Schwarze. Ihre Tochter Sylvia, im Film noch Abiturientin in Beeskow, war schon als Jugendliche Ferienarbeiterin im Betrieb der Eltern. Heidrun Ebel kommt 1972 zu KIM. Die Zusammenarbeit mit den Polen, überhaupt das Betriebsklima »der« KIM ist ihr in guter Erinnerung. Der regelmäßige Arbeitsplatzwechsel am Band, Gesang, Sprachunterricht in derbem Polnisch, heimliche »Kurze« in den Pausen im Toilettenvorraum machten das Schlachten erträglich und brachte die Menschen der Nachbarländer einander näher. Bärbel Kultus verantwortete bis 1999 die Personalpolitik am Standort. KIM Storkow schildert sie als DDR-Vorzeigebetrieb. Die Polinnen sollten helfen, Arbeitsplatzlücken in der Schlachtung zu füllen und dem Bruderstaat Erfahrung in industrieller Geflügelschlachtung für geplante Industrieanlagen zu verschaffen. Das Regierungsabkommen mit der VR Polen lief bis 1987.

Atme tief die Luft ist selten, heute geh’n die Schweine zelten.

»…und morgen kommen die Polinnen« – Szenenfoto von den Dreharbeiten

Szenenfoto der Dreharbeiten von »...und morgen kommen die Polinnen«

»…und morgen kommen die Polinnen« – Szenenfoto von den Dreharbeiten

Christa Klingner (l.) und Regisseurin Gitta Nickel beim Dreh des Films »…und morgen kommen die Polinnen« (1974) Foto: Nachlass Christa Klingner

»Wir arbeiten immer«

Ngoc Thuan Ho

Ngoc Thuan Ho

Ngoc Thuan Ho

Eine Pause macht Ngoc Thuan Ho nur, wenn der Fotograf kommt. (Foto: Andreas Batke)

»Wir arbeiten immer«

Nur sonntags bleibt der Imbiss zu

Ngoc Thuan Ho arbeitet 12 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Nur sonntags bleibt sein Imbiss »Mr. Ho« in einer Frankfurter Einkaufspassage geschlossen. »Wir arbeiten immer« – so begründet er, warum Vietnamesen seiner Meinung nach in Deutschland weniger Probleme mit Ausländerfeindlichkeit hätten als andere Migranten. Im September 1988 verlässt Ho seine Heimat, in der rund die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt. Anders als für viele seiner Landsleute, die sich über einen Arbeitsaufenthalt in der DDR finanzielle Hilfe für ihre Familien in der Heimat erhoffen, ist es bei Thuan Ho jedoch eher Abenteuerlust, die ihn in die Ferne treibt. Grundlage ist der am 11. April 1980 geschlossene Vertrag beider Länder, der die Entsendung von vietnamesischen Arbeitskräften in das sozialistische Bruderland regelt. Die Vietnamesen bilden bis 1989 die größte Gruppe solcher Vertragsarbeiter: Zuletzt beträgt ihre Zahl etwa 60.000. Thuan Ho wird dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Leuna-Werke »Walter Ulbricht« südlich von Halle zugeteilt und beginnt an der Berufsschule in Leuna eine Schlosserlehre. Dann fällt die Mauer. Trotz Verbotes fährt er nach Ost-Berlin, stellt einen Asylantrag, landet schließlich im Westerwald, wo er schnell einen Job findet. Der Einigungsvertrag billigt allen ehemaligen Vertragsarbeitern lediglich ein Bleiberecht für die ursprünglich mit der DDR geschlossene Vertragszeit zu. Erst 1997 werden sie den Arbeitsmigranten der BRD gleichgestellt. Thuan Ho wird im Jahr 2000 eingebürgert. Als ein Kollege in Frankfurt (Oder) seinen Imbiss aufgibt, ziehen er und seine Frau aus Dresden nach Brandenburg. Und bleiben.

Natürlich wurden wir auch in der DDR schief angeguckt.

Frankfurt (Oder)

»Mr. Ho«

Frankfurt (Oder)

Kartenansicht Trägt seinen Chef im Namen – Blick in den Frankfurter Imbiss »Mr. Ho« (Foto: Andreas Batke)

Hos Ausweispapiere

Hos Ausweispapiere

Hos Ausweispapiere

Hos Ausweispapiere aus der Zeit, als er in die DDR gekommen ist. (Foto: Andreas Batke)

Hausaltar

vietnamesischer Hausaltar

Hausaltar

vietnamesischer Hausaltar von Ngoc Thuan Ho (Foto: René Arnold)

Arbeitsanzüge

Arbeitsanzüge »Made in Vietnam«

Arbeitsanzüge

Arbeitsanzüge »Made in Vietnam« (Foto: René Arnold)