Fürs Echte gibt‘s keinen Ersatz

Konrad Scheffler

Besonderer Arbeitsplatz: Konrad Scheffler vor einer Orgel (Foto: Andreas Batke)

Konrad Scheffler

Besonderer Arbeitsplatz: Konrad Scheffler vor einer Orgel (Foto: Andreas Batke)

Fürs Echte gibt‘s keinen Ersatz

Als Geschäftsführer der Sieversdorfer Orgelwerkstatt Scheffler widmet sich Konrad Scheffler mit seinem Team vor allem den sogenannten romantischen Orgeln aus dem 19. Jahrhundert. »Wir haben ein Kerngebiet, in dem wir versuchen, ganz vorn zu sein«, sagt der 36-Jährige. »Im Umgang mit romantischen Sauer-Orgeln gibt es keine Firma, die es besser machen kann als wir.« Die Sauer-Orgeln sind benannt nach Wilhelm Sauer (1831–1916). Er etablierte den Orgelbau in Frankfurt (Oder). Um die 1.100 der großen Instrumente erschuf er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern. Die noch erhaltenen brauchen selbstverständlich Pflege. Und irgendwann müssen sie auch restauriert werden. Genau darauf ist die Sieversdorfer Orgelwerkstatt spezialisiert. Gegründet hat sie im November 1990 Konrads Vater Christian Scheffler. Die Orgeltradition der Oderstadt hatte ihn in den 1970er-Jahren nach Frankfurt gezogen, wo er die Berufe des Tischlers und des Orgelbauers lernte. In Sieversdorf startete Christian Scheffler mit zwei Mitarbeitern den Betrieb. Heute sind dort insgesamt 14 Mitarbeiter beschäftigt – vor allem Orgelbauer, aber auch Tischler und ein Mechatroniker. Das Restaurieren einer großen Orgel ist vom Aufwand vergleichbar mit dem Bau eines Hauses. Dabei stehe die Handarbeit im Vordergrund. »Für das Echte gibt es keinen Ersatz«, zitiert Konrad Scheffler einen bekannten Ausspruch, »künstliche Intelligenz kann weder die unterschiedlichen Orgelpfeifen bauen noch den Klang einstellen. Dazu gehören Wissen und Fingerspitzengefühl.«

Musikalische Bildung ist für einen Orgelbauer von Vorteil

Sieversdorf

Auch eine Leiter gehört zu den Arbeitsgeräten Konrad Schefflers. Das Restaurieren einer Orgel bleibt Handarbeit. (Foto: Andreas Batke)

Sieversdorf

Kartenansicht Auch eine Leiter gehört zu den Arbeitsgeräten Konrad Schefflers. Das Restaurieren einer Orgel bleibt Handarbeit. (Foto: Andreas Batke)

Oper auf dem Lande

Bernhard Hansky

Die Oper Oder Spree hat einst Bernhard Hanskys Liebe fürs Musiktheater geweckt - mittlerweile ist er als Dozent zurückgekehrt. (Foto: Andreas Batke)

Bernhard Hansky

Die Oper Oder Spree hat einst Bernhard Hanskys Liebe fürs Musiktheater geweckt – mittlerweile ist er als Dozent zurückgekehrt. (Foto: Andreas Batke)

Oper auf dem Lande

Ohne die Oper Oder Spree wäre Bernhard Hansky wahrscheinlich nie Opernsänger geworden. Er war 13 Jahre alt, als er das erste Mal das lokale Open-Air-Musiktheater in Neuzelle besuchte. »Ariadne« hieß die erste Opernaufführung, die der an klassischer Musik interessierte Junge live miterlebte. Das war 2001. Eng verbunden mit Oper Oder Spree ist auch Tilman Schladebach. 1999 begann er als Leiter für das Kultur- und Bildungszentrum des Landkreises Oder-Spree mit Sitz auf der Burg Beeskow. Hier traf er auf Jutta Schlegel, Dozentin und Kammersängerin, die bereits seit 1991 ihre begabten Schützlinge einmal im Jahr auf die Burg holte und in Gesang und Interpretation unterrichtete. Und ihnen vor allem Bühnenerfahrung vermittelte. Denn öffentliche Auftritte schlossen sich der anstrengenden Übungswoche an. Tilman Schladebach und Walter Ederer, Chef der Stiftung Stift Neuzelle, setzten noch eins drauf und begannen, ab dem Jahr 2000 eigene Opern zu produzieren. Es gelang, weil auch das Land finanziell einsprang und Sponsoren wie die Sparkasse Oder-Spree und die Raiffeisen-Volksbank Oder-Spree unterstützten. In guten Zeiten wurden die jährlichen Opernproduktionen nicht nur in Beeskow und Neuzelle gezeigt, sondern auch auf dem Ziegenwerder in Frankfurt (Oder). Bernhard Hansky kehrte 2019 an seine künstlerischen Wurzeln zurück und übernahm als Dozent gemeinsam mit der Gesangspädagogin Snežana Nena Brzaković den Opernkurs. Wie damals die Gründerin des Opernkurses Jutta Schlegel bildet Hansky seitdem in jedem Sommer junge Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Ländern der Welt aus, lehrt sie Atem- und Gesangstechniken.

Die Oper wird nicht sterben

Beeskow

Bernhard Hansky (r.) bei der Arbeit mit dem jungen Bass-Barriton Joshua Aidna Ruddock während des Internationalen Opernkurses 2025. (Foto: Andreas Batke)

Beeskow

Kartenansicht Bernhard Hansky (r.) bei der Arbeit mit dem jungen Bass-Barriton Joshua Aidna Ruddock während des Internationalen Opernkurses 2025. (Foto: Andreas Batke)

Daj mě jadno jajko

Jürgen, Markus, Siegfried und Oliver

Jürgen (v.l.), Markus, Siegfried und Oliver spielen von Januar bis März immer samstgas auf Fastnachten in der Region. (Foto: Andreas Batke)

Jürgen, Markus, Siegfried und Oliver

Jürgen (v.l.), Markus, Siegfried und Oliver spielen von Januar bis März immer samstgas auf Fastnachten in der Region. (Foto: Andreas Batke)

Daj mě jadno jajko

Beim Zampern, der wendischen Fastnacht, geht es – begleitet von einer Blaskapelle – von Hof zu Hof durch das ganze Dorf. Die Hauseigner bieten Schnaps, Kaffee, Bier und Schnittchen zum Sofortverzehr an, Eier, Geld und Speck dagegen zum Mitnehmen für die Fastnachtsfeier und die Honorierung der Kapelle. DAS Fastnachtslied ist »Daj mě jadno jaiko«. Seinen Ursprung hat es wohl in der mittleren Lausitz um Rohne. Es fordert erst bescheiden ein Ei für den bevorstehenden Fastnachtsschmaus, um schon in der dritten Zeile »… daj mě lubjej dwe!« lieber gleich zwei Eier zu fordern. Der Text ist auf Niedersorbisch, Wendisch, was bis Mitte des letzten Jahrhunderts in der Lausitz oft ausschließlich gesprochen wurde. Die Combo um Jürgen spielt in unterschiedlicher Besetzung auf Fastnachten an allen Samstagen von Anfang Januar bis Mitte März in Dörfern der Landkreise Oder-Spree und Dahme-Spreewald. Heute dabei sind: Daniel an der Pauke, Jürgen am Saxophon, Markus an der Trompete und Siegfried am Tenorhorn. Die Kapelle ist den ganzen Tag – auch bei Wind und Wetter – unterwegs und hat am Ende stundenlang gespielt. Musiker mit gutem Spielvermögen, hoher Einsatzbereitschaft und breitem Repertoire sind mittlerweile selten. So ist für die Veranstalter nicht mehr das Geld ihr größtes Problem, sondern eine Kapelle zu finden. Diese bestimmen heute mit ihren Terminkalendern, welcher Ort wann zampern kann. Überzeugende Alternativen zu den Kapellen gibt es nicht. Eine Boombox mit Musik aus der Konserve bringt nicht die zampertypische Stimmung.

Ich finde, die Kapelle ist … SPITZE!

Niederlausitz

Beim Zapust, der wendischen Fastnacht, wird das traditionelle wendische Zamperlied »Gib mir ein Ei!« intoniert. (Foto: Andreas Batke)

Niederlausitz

Kartenansicht Beim Zapust, der wendischen Fastnacht, wird das traditionelle wendische Zamperlied »Gib mir ein Ei!« intoniert. (Foto: Andreas Batke)

Bumbass

Tischbumbass - 1970er-Jahre, DDR, Fa. Goldon, Markneukirchen, Typ 3010, Karton-Aufschrift: »Besonders geeignet zum Kinderfasching und anderen Feierlichkeiten«, Holz/Metalle/Kunststoffe/ Schaumstoff/Leder, Sammlung: Museum Utopie und Alltag, Bestand Alltagskultur (Foto: Bernd Choritz)

Bumbass

Tischbumbass – 1970er-Jahre, DDR, Fa. Goldon, Markneukirchen, Typ 3010, Karton-Aufschrift: »Besonders geeignet zum Kinderfasching und anderen Feierlichkeiten«, Holz/Metalle/Kunststoffe/ Schaumstoff/Leder, Sammlung: Museum Utopie und Alltag, Bestand Alltagskultur (Foto: Bernd Choritz)

Eier

Traditionell werden die Eier vom Hauseigentümern zum Mitnehmen für die Fastnachtsfeier und die Honorierung der Kapelle ausgegeben. (Foto: Bernd Choritz)

Eier

Traditionell werden die Eier vom Hauseigentümern zum Mitnehmen für die Fastnachtsfeier und die Honorierung der Kapelle ausgegeben. (Foto: Bernd Choritz)

Das zweite Ich

Daniela Radloff

Sich in den anderen Menschen einfühlen zu können - diese Fähigkeit, sagt Daniela Radloff, ist für die Arbeit als Double unerlässlich. (Foto: Andreas Batke)

Daniela Radloff

Sich in den anderen Menschen einfühlen zu können – diese Fähigkeit, sagt Daniela Radloff, ist für die Arbeit als Double unerlässlich. (Foto: Andreas Batke)

Das zweite Ich

Seit fast 40 Jahren tritt Ziltendorferin Daniela Radloff als Sängerin auf. Als Teenagerin hat sie begonnen. Sie wächst in Eisenhüttenstadt auf und bringt sich selbst das Gitarrespielen bei. Mit 18, 19 singt sie das erste Mal in einer Band. »Modera« heißt die Gruppe. Musik bleibt Daniela Radloffs Hobby. Zu den ambitionierten jungen Musikern, die Musik zu dagegen ihrem Beruf machen wollen und ihre Auftritte professionalisieren, gehören die Jungs von »Rockteam«. Auch sie kommen aus der Gegend. Am Keyboard: Joachim Radloff aus Ziltendorf. Er wird Danielas Mann fürs Leben. Radloff macht eine beeindruckende Karriere im Musikgeschäft. Er arbeitet mit Bernhard Brink zusammen, mit Beatrice Egli und Andreas Gabalier. 2014 holt ihn Roland Kaiser in sein Team. Inzwischen ist Joachim Radloff dessen musikalischer Leiter. Zu den Schlagersuperstars hierzulande zählt auch Andrea Berg. Eines ihrer Erfolgsalben heißt »Atlantis«. Es erscheint 2013. Radloff arbeitet daran mit. Im Tonstudio fällt ihm auf, wie ähnlich sie klingen: Andrea Berg und seine Frau. So entsteht die Idee zur Andrea-Berg-Double-Show. Daniela Radloff singt immer live. Sie wird für Familienfeiern gebucht, für Volksfeste, Schlagerevents, Festzelte. Wer sie bucht, bekommt einen Double-Auftritt geboten, bei dem Daniela Radloff nichts dem Zufall überlässt. Sie studiert Andrea Berg – nicht nur den Gesang, sondern die Gesten und Outfits. Sie beobachtet, wie sich Andrea Berg verändert. Früher Lack und Leder, heute eher Diva. Da muss das Double mitziehen – damit das Publikum spürt, dass jemand diese Rolle lebt.

Jeder muss seinen Weg gehen

Ziltendorf

Studio vor der Haustür: Daniela Radloff hat das Glück, mit ihrem Mann Joachim einen Musikprofi an der Seite zu haben. (Foto: Andreas Batke)

Ziltendorf

Kartenansicht Studio vor der Haustür: Daniela Radloff hat das Glück, mit ihrem Mann Joachim einen Musikprofi an der Seite zu haben. (Foto: Andreas Batke)

Double Kleid

Bühnenkleid - 2020, getragen von Daniela Radloff als Double von Andrea Berg, Mischgewebe, mit Pailletten bestickt, Leihgeberin: Daniela Radloff, Ziltendorf (Foto: Bernd Choritz)

Double Kleid

Bühnenkleid – 2020, getragen von Daniela Radloff als Double von Andrea Berg, Mischgewebe, mit Pailletten bestickt, Leihgeberin: Daniela Radloff, Ziltendorf (Foto: Bernd Choritz)

Double Puzzle

Puzzle Gruppe »Kreis« - 1973–1982, DDR (Deutsche Demokratische Republik), Annaberger Puzzle, 800 Teile, Format 650x450 mm, Artikel-Nr. 67818, EVP: 12,50 M, Pappe, bedruckt, vorn Mitte und rechts: Eva und Arnold Fritzsch, Sammlung: Museum Utopie und Alltag, Bestand Alltagskultur (Foto: Bernd Choritz)

Double Puzzle

Puzzle Gruppe »Kreis« – 1973–1982, DDR (Deutsche Demokratische Republik), Annaberger Puzzle, 800 Teile, Format 650×450 mm, Artikel-Nr. 67818, EVP: 12,50 M, Pappe, bedruckt, vorn Mitte und rechts: Eva und Arnold Fritzsch, Sammlung: Museum Utopie und Alltag, Bestand Alltagskultur (Foto: Bernd Choritz)

Alarm rundum!

Sirenen

Moderne Sirenen sehen nicht mehr aus wie eine auf den Kopf gestellte Schüssel - eher wie Lautsprecher. (Foto: Andreas Batke)

Sirenen

Moderne Sirenen sehen nicht mehr aus wie eine auf den Kopf gestellte Schüssel – eher wie Lautsprecher. (Foto: Andreas Batke)

Alarm rundum!

In Bad Saarow-Pieskow steht seit geraumer Zeit ein grauverzinkter Mast, inmitten von Einfamilienhäusern. An dessen Spitze weisen vier Lautsprecher in zwei Richtungen. Neue elektronische Sirenen wie diese machen sich einen physikalischen Effekt zunutze, das Huygensche Prinzip. Vereinfacht erklärt: Der Schall wird durch einen schmalen Spalt geschickt und breitet sich dahinter kreisförmig aus. So wird mit zwei entgegengesetzt ausgerichteten Lautsprechern eine 360-Grad-rundum-Beschallung erreicht. Ihren Ursprung haben Sirenen, die früher eher einer umgedrehten Schüssel ähnelten, in einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Zum Schutz der Bevölkerung und des »Tausendjährigen Reiches« wurde ab 1938 begonnen, flächendeckend ein Warnsystem vor Bombenangriffen zu installieren. Der Kalte Krieg sorgte dann für Bestandskontinuität. Zunehmend wurden dabei die Sirenen für die Alarmierung der Feuerwehren eingesetzt. Ihre eigentliche Aufgabe war aber nach wie vor, den »Ernstfall« anzukündigen. Nach dem Fall der Mauer übergab der Bund die Sirenen in die Verantwortung der Kommunen. Andreas Diebert vom Amt für Brand-Zivil- und Katastrophenschutz des Landkreises Oder-Spree ist verantwortlich für mehr als 180 Sirenen, darunter 37 Neuanlagen. Auch die Aufstellung neuer Sirenen falle in seinen Aufgabenbereich. Obwohl die technischen Möglichkeiten heute eine breite Palette an Warnmitteln bieten. »Wir sprechen hier vom Warnmittelmix«, erläutert Diebert. Neben den Sirenen gibt es Warndurchsagen über Radio und Fernsehen, Warn-Apps und Online-Warnungen. Neueste Variante ist die Nutzung digitaler Anzeigetafeln im öffentlichen Raum, die auch Gehörlose erreichen.

Wie sprechen hier vom Warnmittelmix

Bad Saarow

Solche Sirenen warnten jahrzehntelang im »Ernstfall« - nicht nur probehalber. (Foto: Andreas Batke)

Bad Saarow

Kartenansicht Solche Sirenen warnten jahrzehntelang im »Ernstfall« – nicht nur probehalber. (Foto: Andreas Batke)

»Max & Flocke Helferland: Auf Probe! Warntag in Deutschland«

2025, Unterrichtsmaterial zum Warntag in Deutschland, geeignet für die Klassenstufen 3–5, herausgegeben von der Stiftung Jugend und Bildung in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Papier, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

»Max & Flocke Helferland: Auf Probe! Warntag in Deutschland«

2025, Unterrichtsmaterial zum Warntag in Deutschland, geeignet für die Klassenstufen 3–5, herausgegeben von der Stiftung Jugend und Bildung in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Papier, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Sirene und Warnschild

Motorsirene - 1986, DDR (Deutsche Demokratische Republik), Typ Iwi AL 1578, Seriennummer 4829/86, 220 Volt, 750 Hertz, genutzt als Werksirene, für Feuerwehr-Alarm oder den Zivilschutz, Sammlung: museum oder-spree Hinweisschild - Sirenenalarm 1980er-Jahre, DDR (Deutsche Demokratische Republik), DEWAG Signograph, Kunststoff, farbig bedruckt, Sammlung: museum oder-spree (Fotos: Bernd Choritz)

Sirene und Warnschild

Motorsirene – 1986, DDR (Deutsche Demokratische Republik), Typ Iwi AL 1578, Seriennummer 4829/86, 220 Volt, 750 Hertz, genutzt als Werksirene, für Feuerwehr-Alarm oder den Zivilschutz, Sammlung: museum oder-spree Hinweisschild – Sirenenalarm 1980er-Jahre, DDR (Deutsche Demokratische Republik), DEWAG Signograph, Kunststoff, farbig bedruckt, Sammlung: museum oder-spree (Fotos: Bernd Choritz)

Musik der Extreme

Danilo (v.l.), Willi, Lisa und Canzler

Danilo (v.l.), Willi, Lisa und Canzler machen Punk - jeden Sonntag um 12 Uhr. (Foto: Andreas Batke)

Danilo (v.l.), Willi, Lisa und Canzler

Danilo (v.l.), Willi, Lisa und Canzler machen Punk – jeden Sonntag um 12 Uhr. (Foto: Andreas Batke)

Musik der Extreme

Sonntag, 12 Uhr: Im alten Beeskower Bahnhofsgebäude probt die Band »Backslash«. Gitarrist Willi, Drummer Danilo, Bassist Canzler und Sängerin Luisa. Gespielt wird Punk mit deutschen Texten. Willi, 33 und gebürtiger Beeskower, hat 2008 als Teenager bei der Punkband »Frontalzusammenstoß« angefangen. Politisch sehen sich die jungen Musiker damals »eher links«. 2009 tritt in Beeskow mit »Frontfeuer« eine Band aus einem ganz anderen politischen Spektrum auf den Plan. Ihre Platten heißen »Heldentum«, »Unser Land« und »Unser Treueschwur«; gespielt wird regelmäßig bei neonazistischen Veranstaltungen. 2024 geht der Verfassungsschutz von mindestens fünf, in der Kreisstadt beheimateten Rechtsrock-Bands aus. Beeskow gehört damit in Brandenburg zu den Hochburgen der Szene. Rechte Musik ist ein wachsender Markt. Rechtsextremismus-Forscher Christoph Schulze verweist auf Bands wie »Weimar«, die 2025 in der Fürstenwalder Parkbühne ein umstrittenes Konzert gegeben hat. »Bei der Band sind Leute dabei, die früher in der richtig harten, militanten, neonazistischen Rechtsrock-Szene in Thüringen dabei waren und jetzt deutungsoffene, dabei aber an rechtextreme Narrative anschlussfähige Texte vertonen«, sagt der Potsdamer. Darin drücke sich eine Professionalisierung aus, inklusive ökonomischer Aspekte, aber auch eine Normalisierung von rechten Positionen in der Gesellschaft. Geld mit ihrer Musik zu verdienen, daran verschwendet die Band »Backslash« kaum einen Gedanken. »Es geht um Spaß am gemeinsamen Musik machen«, sagt Willi.

Es geht um Spaß am gemeinsamen Musikmachen

Beeskow

»Backlash« in Aktion: Im kleinen Probenraum kommen die Bandmitglieder schnell ins Schwitzen. (Foto: Andreas Batke)

Beeskow

Kartenansicht »Backlash« in Aktion: Im kleinen Probenraum kommen die Bandmitglieder schnell ins Schwitzen. (Foto: Andreas Batke)

Fern von Massen

Hermine Kühl

Hermine Kühl kam einst als jüngstes Mitglied zum Verein. (Foto: Andreas Batke)

Hermine Kühl

Hermine Kühl kam einst als jüngstes Mitglied zum Verein. (Foto: Andreas Batke)

Fern von Massen

Das Geburtsjahr des Festivals »Jenseits von Millionen« ist 2005. Unter dem Namen »mamallapuram« findet damals ein erstes Benefizfestival auf der Burg in Storkow statt. Man will Spenden sammeln für das 2004 durch einen Tsunami zerstörte Dorf Mamallapuram im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Ein Waisenhaus ist dort vollständig verwüstet. Als sich die Burg Storkow vom seitdem jährlich stattfindenden »mamallapuram« verabschiedet, ermutigt der damalige Friedländer Bürgermeister Thomas Hähle den Verein »Anderes Festival e. V.«, auf die Burg Friedland umzuziehen. So kommt »mamallapuram« 2008 in die Niederlausitz – und wird ein Jahr später zu »Jenseits von Millionen«. Der Name soll für »fern von Menschen(massen) und fern von Geld« stehen. Der gemeinnützige Gedanke bleibt. Alle 20 Mitglieder des Vereins sind ehrenamtlich tätig. Die Musikrichtungen bei »Jenseits von Millionen« reichen von Indie, Indie-Rock, Alternativrock bis hin zu Indie-Pop. Die Bands sind meist noch relativ unbekannt und warten auf ihren Durchbruch. Ein Festivalticket für das Wochenende im August kostet 69 Euro. Mit zwei Euro pro verkauftem Ticket werden Kinder- und Jugendprojekte in der Region unterstützt. Für die Gesamtfinanzierung ist der Verein auf Förderung angewiesen, vom Landkreis Oder-Spree zum Beispiel. Die Bands werden zu einem Freundschaftspreis gebucht. Und sie kommen gern, wie ihre Kommentare zeigen: »So wertvoll, was ihr hier auf die Beine stellt«, heißt es da, oder: »Solche Orte in Brandenburg gibt’s nicht oft«.

Man ist körperlich und emotional am Ende

Friedland

Dekoration muss sein. (Foto: Andreas Batke)

Friedland

Kartenansicht Dekoration muss sein. (Foto: Andreas Batke)

Immer im Rhythmus

Andreas Janitz und Melanie Knuth

Andreas Janitz hat auch Melli zur Musik gebracht. Obwohl sie nicht hören kann, bleibt sie immer im Rhythmus. (Foto: Andreas Batke)

Andreas Janitz und Melanie Knuth

Andreas Janitz hat auch Melli zur Musik gebracht. Obwohl sie nicht hören kann, bleibt sie immer im Rhythmus. (Foto: Andreas Batke)

Immer im Rhythmus

Wolfgang ist 67 Jahre alt und erzählt gerne. »Beim Spielmannszug habe ich als Kind zum ersten Mal eine Trommel geschlagen. In der Sonderschule in Frankfurt (Oder) habe ich Schlagzeug gespielt. DJ wollte ich mal werden und eine Band gründen.« Nun gibt es die Band. Andreas Janitz hat sie ins Leben gerufen, als er 2024 in die Wohnstätte der Hoffnungstaler Stiftung nach Reichenwalde kam. Wolfgang ist einer der Schlagzeuger. Melli kann nicht sprechen und auch nicht hören. Den Rhythmus aber, sagt Wolfgang, den spürt sie. Auf ihrem Keyboard hat Andreas Janitz die Tasten beklebt, die Melli drücken muss. Immer wieder. Nacheinander. Dieselbe Abfolge von Tönen. Auch ein Rhythmus. Die Wohnstätten der Hoffnungstaler Stiftung befinden sich im ehemaligen Gutshaus von Reichenwalde. Schon seit 100 Jahren gibt es die Einrichtung. Wolfgang kam 1977 nach Reichenwalde, da war er 19 Jahre alt. Er erinnert sich gerne an die Zeit. Viele kamen damals aus Einrichtungen, in denen es weitaus härter zuging. Aus Kinderheimen kamen sie, Jugendwerkhöfen oder der Kinderpsychiatrie. »Gehen wir in den Keller?«, fragt Andreas Janitz. Die Augen leuchten von Peter, Wolfgang, Melli, Justin und Angelo. »Kannst du den Takt vorgeben?«, fragt Andreas Peter. Peter nickt. Er hält einen Moment inne, dann legt er los, die Stöcke über Kreuz, den Fuß am Pedal für die Bass Drum. Andreas Janitz weiß, wie wichtig Rhythmus ist, auch im psychosozialen therapeutischen Bereich. Er arbeitet in Reichenwalde als Heilerziehungs-pfleger. »Mit Musik«, sagt er, »können oft auch viele Emotionen geregelt werden.«

Für jeden gibt es ein Ziel

Reichenwalde

Andreas Janitz (vorn) und die Band beim »Parkkonzert Inklusiv« in Reichenwalde. (Foto: Andreas Batke)

Reichenwalde

Kartenansicht Andreas Janitz (vorn) und die Band beim »Parkkonzert Inklusiv« in Reichenwalde. (Foto: Andreas Batke)

Conga

Conga - 2021, Fasstrommel mit Sticks, Holz/Tierhaut/Metall, Eigenbau, Leihgeber: Andreas Janitz, Reichenwalde (Foto: Bernd Choritz)

Conga

Conga – 2021, Fasstrommel mit Sticks, Holz/Tierhaut/Metall, Eigenbau, Leihgeber: Andreas Janitz, Reichenwalde (Foto: Bernd Choritz)

Gitarrensaiten

Satz von sechs Gitarrensaiten E-A-D-G-H-e - o. J., »Goldfuchs«, Schutzmarke ROSS 100 L, DDR (Deutsche Demokratische Republik), Sammlung: Museum Utopie und Alltag, Bestand Alltagskultur (Foto: Bernd Choritz)

Gitarrensaiten

Satz von sechs Gitarrensaiten E-A-D-G-H-e – o. J., »Goldfuchs«, Schutzmarke ROSS 100 L, DDR (Deutsche Demokratische Republik), Sammlung: Museum Utopie und Alltag, Bestand Alltagskultur (Foto: Bernd Choritz)

Erfüllte Stille

Oliver Peters

Oliver Peters hat sich schon als Jugendlicher für das Spirituelle interessiert. (Foto: Andreas Batke)

Oliver Peters

Oliver Peters hat sich schon als Jugendlicher für das Spirituelle interessiert. (Foto: Andreas Batke)

Erfüllte Stille

Wer das Sukhavati betritt, betritt einen Ort der Gemeinschaft. Ein Haus, das vieles vereint: Hospiz und Pflegeheim, buddhistisches Meditationszentrum, Café und Garten. Schlicht, großzügig, lichtdurchflutet. Das Haus steht in Bad Saarow direkt am See und ist so konzipiert, dass seine Bewohner aus jedem Zimmer aufs Wasser blicken können. Acht Zimmer im Erdgeschoss sind fürs Hospiz reserviert, 27 weitere für Pflegebewohner. Dass es das Sukhavati gibt, liegt an einer weiblichen Großspenderin, die anonym bleiben will. Sie verlor einst ihren Mann auf der Intensivstation. »Sie fand das lebensunwürdig«, erzählt Oliver Peters. »Sie wollte, dass das Tibetische Buch vom Leben und Sterben nicht nur gelesen, sondern gelebt wird.« Also lässt sie das Haus bauen. Die laufenden Kosten tragen Krankenkassen und Spender. Doch auch wer wenig hat, soll nicht ausgeschlossen werden: Das Sukhavati will ein Ort für alle sein, nicht nur für die, die es sich leisten können. Peters koordiniert im Sukhavati das Ehrenamt und die Abteilung »spiritual care«, leitet Meditationen an, begleitet Sterbende. Für ihn ist der Tod kein Endpunkt, sondern ein Weg. Im tibetischen Buddhismus durchläuft der Geist Bardos, Zwischenzustände, die 49 Tage dauern können. »Im Sterben verlieren wir den Körper, das Hören aber bleibt. Deshalb lesen wir den Sterbenden vor.« Jeden Mittwoch versammeln sich Mitarbeitende und Ehrenamtliche, um Kapitel aus dem Tibetischen Buch vom Leben und Sterben vorzulesen. »Befreiung durch Hören«, nennt Peters das.

Es gibt viele, die Stille suchen, aber nicht wissen, wie

Bad Saarow

Auch die Abend-Meditation im Sukhavati ist über Zoom zu besuchen. (Foto: Andreas Batke)

Bad Saarow

Kartenansicht Auch die Abend-Meditation im Sukhavati ist über Zoom zu besuchen. (Foto: Andreas Batke)

Bad Saarow

Das Sukhavati steht in Bad Saarow direkt am See uns ist so konzipiert, dass seine Bewohner aus jedem Zimmer aufs Wasser blicken können. (Foto: Andreas Batke)

Bad Saarow

Kartenansicht Das Sukhavati steht in Bad Saarow direkt am See uns ist so konzipiert, dass seine Bewohner aus jedem Zimmer aufs Wasser blicken können. (Foto: Andreas Batke)

Gong

Gong (Buddha Feet Singing Bowl) mit Schlägel - Nach 2000, Nepal, Metall-Legierung/Holz/Kunstfell, gegossen und graviert, Leihgeber: Oliver Peters, Sukhavati – Zentrum für Spiritual Care, Bad Saarow (Foto: Bernd Choritz)

Gong

Gong (Buddha Feet Singing Bowl) mit Schlägel – Nach 2000, Nepal, Metall-Legierung/Holz/Kunstfell, gegossen und graviert, Leihgeber: Oliver Peters, Sukhavati – Zentrum für Spiritual Care, Bad Saarow (Foto: Bernd Choritz)

Grablampe

Grablampe - 19. Jahrhundert, Herkunft unbekannt, Zinkblech/Glas, z. T. rot gefärbt, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Grablampe

Grablampe – 19. Jahrhundert, Herkunft unbekannt, Zinkblech/Glas, z. T. rot gefärbt, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Neige deines Herzens Ohr

Martina Kimpel und Frank Holländer

Martina Kimpel, die seit Geburt an taub ist, besuchte mit Frank Holländer einst dieselbe Schwerhörigenschule in Potsdam. (Foto: Andreas Batke)

Martina Kimpel und Frank Holländer

Martina Kimpel, die seit Geburt an taub ist, besuchte mit Frank Holländer einst dieselbe Schwerhörigenschule in Potsdam. (Foto: Andreas Batke)

Auf Augenhöhe

Martina Klimpel und Frank Holländer besuchten dieselbe Schwerhörigenschule in Potsdam. Martina war die einzige Taube in dieser Schule. Schneiderin musste sie werden, es gab nicht viele Ausbildungsmöglichkeiten für Hörgeschädigte. »Aber immer diese vielen Rüschen und Puffärmel an die Blusen nähen, das machte keinen Spaß.« Die Prüfung nach der Fliesenlegerausbildung hat Martina dreimal nicht bestanden. Das erste Mal fehlte die Dolmetscherin, dann war die Zeit für das Dolmetschen knapp und das Gefühl spürbar, eine Frau in diesem Handwerk und dazu eine Hörgeschädigte wolle man gar nicht haben. Es folgten viele Probearbeiten. Die Zeit im Büro war angenehm. Akten sortieren, Briefe rausschicken, kopieren, das alles ist kein Problem. Nur telefonieren kann sie nicht. Die Ausbildung fehle, hieß es. Damit wurde sie entlassen. Für Martina ein Weltuntergang. In Deutschland gibt es laut DGB (Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.) und DSB (Deutscher Schwerhörigenbund e. V.) etwa 80.000 gehörlose und ca. 16 Millionen schwerhörige Menschen. »Im DSB sind örtliche Schwerhörigenvereine und Selbsthilfegruppen aktiv. Der DSB-Landesverband ist ein Träger in der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung«, sagt Frank Holländer. Seit diesem Jahr baut er in Fürstenwalde eine neue Geschäftsstelle für den Landkreis Oder-Spree auf. »Das EUTB-Beratungsangebot ist eine wichtige Ergänzung und Chance, um von Hörschädigung betroffene Menschen und deren Angehörige umfassend zu informieren«, betont Frank, der selbst hörgeschädigt ist. Durch ähnliche Erfahrungen finde der Austausch auf Augenhöhe statt.

Immer musst du kämpfen

Fürstenwalde/Bad Saarow

Frank Holländer baut in Fürstenwalde eine neue Geschäftsstelle der Ergänzenden unanbhändigen Teilhabeberatung für den Landkreis Oder-Spree auf. (Foto: Andreas Batke)

Fürstenwalde/Bad Saarow

Kartenansicht Frank Holländer baut in Fürstenwalde eine neue Geschäftsstelle der Ergänzenden unanbhändigen Teilhabeberatung für den Landkreis Oder-Spree auf. (Foto: Andreas Batke)

Höhrrohr

Hörrohr - 19. Jahrhundert, Herkunft unbekannt, Metall, zweiteilig, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Höhrrohr

Hörrohr – 19. Jahrhundert, Herkunft unbekannt, Metall, zweiteilig, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Wecker

Blitzwecker mit Vibrationskissen - 2025, Empfängerwecker A-2634-W, lisa-signolux, Humantechnik GmbH, Weil am Rhein, Kunststoffe/Metalle, Leihgeber: Frank Holländer, EUTB Fürstenwalde (Foto: Bernd Choritz)

Wecker

Blitzwecker mit Vibrationskissen – 2025, Empfängerwecker A-2634-W, lisa-signolux, Humantechnik GmbH, Weil am Rhein, Kunststoffe/Metalle, Leihgeber: Frank Holländer, EUTB Fürstenwalde (Foto: Bernd Choritz)