Aus eigenem Antrieb

Werner und Rudie Helm

Werner (l.) und Rudie Helm haben die Geburtsstunde der LPG «Fortschritt» miterlebt.

Werner und Rudie Helm

Werner (l.) und Rudie Helm haben die Geburtsstunde der LPG »Fortschritt« miterlebt. (Foto: Andreas Batke)

Aus eigenem Antrieb

Weshalb die Breslacker Bauern ihre Genossenschaft gründeten

Als er 15 war, führte Rudie Helm in Breslack einen Hof mit neun Hektar Acker – mit zwei Pferden und fünf Kühen, mit Schweinen und Geflügel. Sein Vater war nach 1945 nicht heimgekehrt. »Da war als halbwegs kräftiger Kerl nur noch ich übrig. Und das sagt eine Menge darüber, warum ich Genossenschaftsbauer wurde.« Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) in Breslack wird im Jahr 1959 gegründet – von drei großen Bauern, darunter der Vater von Rudies Cousin Werner, aus deren eigenem Antrieb. Die Gründe für diesen Entschluss sind praktische. In Breslack leben auf den Höfen verteilt etwa 200 Flüchtlinge. Während Entwurzelte, Ungelernte, zusätzliche Esser zu versorgen sind, fehlen auf etlichen Höfen die erfahrenen Bauern, weil sie im Krieg geblieben waren. Es fehlt an Vieh, an Technik und überhaupt an allem. Die LPG »Fortschritt« ist eine »Typ 1«. Das heißt: Die Tiere bleiben in den privaten Ställen. Nur die Felder bestellen sie gemeinschaftlich. »Die LPG lief gut«, erzählt Werner Helm. »Weil alle gestandene Bauern waren.« Heute gibt es die LPG Breslack nicht mehr. Und Rudie bedauert, dass er nicht versuchen konnte, den Betrieb noch einmal in eine neue Zeit zu bringen. »Ich habe Gänse und Ziegen gehütet, war Einzelbauer und Genossenschaftsbauer«, fasst er zusammen, »aber die großen Probleme der Welt konnte ich nicht lösen helfen. Die Landwirtschaft in der DDR hat eine bescheidene Zukunft gehabt. Heute kämpfen die Bauern um ihre Existenz.«

Die großen Probleme der Welt konnte ich nicht lösen helfen.

Butterform

Butterform aus Holz aus dem 19. Jahrhundert

Butterform

Butterform aus Holz aus dem 19. Jahrhundert (Foto: Armin Herrmann)

Milchzentrifuge

Milchzentrifuge aus den 1920er-Jahren

Milchzentrifuge

Milchzentrifuge aus den 1920er-Jahren (Foto: Armin Herrmann)

LPG-Übersichtsliste

Übersichtsliste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) im Kreis Eisenhüttenstadt, 1952-1980

LPG-Übersichtsliste

Übersichtsliste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) im Kreis Eisenhüttenstadt, 1952-1980 (Foto: Armin Herrmann)

Breslack

Blick auf Breslack

Breslack

Kartenansicht Blick auf Breslack (Foto: Andreas Batke)

Breslack

Ehemaliges (Büro?)Gebäude der Breslacker LPG mit Milchrampe

Breslack

Kartenansicht Ehemaliges (Büro?)Gebäude der Breslacker LPG mit Milchrampe. (Foto: Andreas Batke)

»Uns gehörte nüscht«

Karl-Christoph von Stünzner-Karbe

Karl-Christoph von Stünzner-Karbe vor dem Sieversdorfer Gutshaus

Karl-Christoph von Stünzner-Karbe

Karl-Christoph von Stünzner-Karbe vor dem Sieversdorfer Gutshaus (Foto: Andreas Batke)

»Uns gehörte nüscht«

Rückkehrer in Sieversdorf

Nach 1945 war die Familie von Stünzner von ihrer Heimat vertrieben und ihr Gut infolge der Bodenreform in 40 Parzellen geteilt worden. Seit 1780 hatte sie zuvor in Sieversdorf gelebt. »Mein Vater ist aus der französischen Kriegsgefangenschaft zu Fuß zurückgekommen, um auf dem Gut zu bleiben«, erzählt Karl-Christoph von Stünzner-Karbe. »Aber da haben sie ihn verjagt.« Am Ende ist die Familie in der Bundesrepublik heimisch geworden. Bis zur Wende. Gleich 1990 hatte von Stünzner sich als Soldat zum Einsatz im Osten gemeldet. 1993 wurde er Kommandeur im Verteidigungsbezirk Frankfurt (Oder) – und beschloss mit seiner Frau Elke, nach Sieversdorf zurückzukehren. Auf die Frage nach der rechtlichen Situation antwortet er: »Uns gehörte nüscht«. Da die Bodenreform mit dem Wiedervereinigungsvertrag anerkannt worden war, musste er sein Elternhaus von der Treuhand zurückkaufen. Da es halb abgerissen war, entschied sich die Familie, in den zum Garten gelegenen Anbau zu ziehen. Der Festsaal im Gutshaus inspirierte die Rückkehrer, einen Musikverein zu gründen – den Freundeskreis der Kunst und Denkmalpflege auf Gut Sieversdorf. 25 Jahre lang wurde alle vier Wochen ein Konzert organisiert. Und in mehreren Etappen das Haus mit dem Saal restauriert und wieder aufgebaut. Von Stünzner begreift es als Glück, nach so langer Zeit auf diesen Familienbesitz zurückgekehrt zu sein. Glück war für ihn auch, das Gutshaus in die Hände seines Sohnes geben zu können, der gemeinsam mit seiner Frau den fehlenden Flügel wiederaufgebaut hat.

Bodenreform ist für mich ein Schreckensbegriff.

Gutskarte

Gutskarte des Rittergutes Lindenberg i. Mark von 1934

Gutskarte

Gutskarte des Rittergutes Lindenberg i. Mark von 1934 (Foto: Armin Herrmann)

Broschüre

Die Bauern von Lindenberg, Tauche und Falkenberg über den ehemaligen Besitzer des Gutes Lindenberg, Robert Pferdmenges

Broschüre

Die Bauern von Lindenberg, Tauche und Falkenberg über den ehemaligen Besitzer des Gutes Lindenberg, Robert Pferdmenges (Foto: Armin Herrmann)

Weihnachtsengel

Weihnachtsengel - Christbaumschmuck aus Wachs

Weihnachtsengel

Weihnachtsengel – Christbaumschmuck aus Wachs (Foto: Armin Herrmann)

Sieversdorf

Blick auf das Sieversdorfer Gutshaus mit der ehemaligen Brennerei

Sieversdorf

Kartenansicht Blick auf das Sieversdorfer Gutshaus mit der ehemaligen Brennerei (Foto: Andreas Batke)

Zu viel und zu wenig

Anna Hörning

Anna Hörning vor ihrem Haus in Beeskow

Anna Hörning

Anna Hörning ist Stammkundin der Beeskower Tafel. (Foto: Andreas Batke)

Sylvia Falke-Schulz

Sylvia Falke-Schulz (l.) chauffiert Gertraude Wagner mit ihrem Auto

Sylvia Falke-Schulz

Sylvia Falke-Schulz (l.) chauffiert Gertraude Wagner regelmäßig zur Tafel. Sie selbst ist dort als Helferin aktiv. (Foto: Andreas Batke)

Zu viel und zu wenig

Die Tafel in Beeskow

Eine »Berechtigungskarte« erlaubt den Eintritt. Ohne einen amtlichen Nachweis materieller Bedürftigkeit geht es auch bei der Tafel nicht. Vor allem Ehrenamtliche verwalten, was als Problem einst in den USA erkannt wurde: dass der Handel Lebensmittel noch vor dem Ablaufdatum en masse wegwirft und zugleich die Ärmsten hungern müssen. Die Idee: Wir verteilen, und jeder ist’s zufrieden. In Beeskow ist die Tafel ein Sozialkaufhaus, das Kunden hat. Anna Hörning zum Beispiel aus Lindenberg. Nachbarn empfehlen ihr irgendwann, wegen ihrer kleinen Rente zur Beeskower Tafel zu gehen – da befindet sich diese noch im baufälligen Beeskower Bahnhof, wo sie 2005 untergekommen war. Erst Ende 2012 bezieht der Betreiber, die Gesellschaft für Arbeit und Soziales e. V. (GefAS), gleich gegenüber ein neues Domizil. Der erste Gang ist für Anna nicht leicht, aber mit jedem Wiedersehen steigt das Vertrauen. »Ich fühle mich hier wohl… Es ist angenehm, wenn einer fragt ›Wie geht’s dir denn?‹, nicht nur ›Na, haste alles?‹.« Sylvia Falke-Schulz aus Sauen arbeitet im Ehrenamt bei der Tafel. Die Aussicht auf Altersarmut erschüttert sie: »Nach einem gelungenen Arbeitsleben kann es eigentlich nicht sein, dass ich anschließend um meine Existenz zittern muss.« Beeskow braucht eine Tafel. »Es geht einfach darum zu offenbaren, dass es bei uns hier im Kreis auch jene gibt, die nicht im Wohlstand leben«, sagt Sylvia. »Auch Beeskow bleibt davon nicht verschont.«

Nach einem gelungenen Arbeitsleben kann es eigentlich nicht sein, dass ich anschließend um meine Existenz zittern muss.

Lebensmittelkarten

Reichsbrotkarten

Lebensmittelkarten

Reichsbrotkarten (Foto: Armin Herrmann)

Lebensmittelkarten

Reichskarte für Marmelade und Zucker

Lebensmittelkarten

Reichskarte für Marmelade und Zucker (Foto: Armin Herrmann)

Lebensmittelkorb

Lebensmittelkorb der Tafel Beeskow

Lebensmittelkorb

Lebensmittelkorb der Tafel Beeskow (Foto: Armin Herrmann)

Lebensmittelkorb

Lebensmittelkorb der Tafel Eisenhüttenstadt

Lebensmittelkorb

Lebensmittelkorb der Tafel Eisenhüttenstadt (Foto: Armin Herrmann)

Tafel Beeskow

Gesellschaft für Arbeits- und Sozialrecht e.V.

Tafel Beeskow

Kartenansicht Gesellschaft für Arbeits- und Sozialrecht e.V. (Foto: Andreas Batke)

Eine Auto-Biografie

Andreas Kunath

Autoschrauber aus Leidenschaft: Andreas Kunath in seinem «Mossi»

Andreas Kunath

Autoschrauber aus Leidenschaft: Andreas Kunath in seinem »Mossi« (Foto: Andreas Batke)

Eine Auto-Biografie

Andreas Kunaths Liebe zu Mossi und Co.

Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind. Auch für Andreas Kunath aus Fürstenwalde trifft das zu. 1999 macht er sein Hobby zum Beruf und eröffnet auf seinem Hof seine eigene kleine KfZ-Werkstatt. Schon als kleiner Junge schraubt er an Traktoren, Rasenmähern und landwirtschaftlichen Maschinen. Kunaths erstes Auto: ein alter, ausgedienter blauer Trabant 600. Ein neues Auto, auf das er warten muss, kommt für ihn nicht infrage. Es folgen die bali-gelbe Karosse eines Trabant 601, in die er das Innenleben seines 600er Trabanten packt, und ein Moskwitsch 408, den er nach zwei Jahren in ein neueres Modell, einen 2140er, eintauscht. Nach der Wende – »wir sprangen erstmal rauf aufs Neue, wollten auch die neuen Modelle fahren« – verkauft er ihn wieder und durchläuft die typischen Fahrzeuge der Neunziger: Golf, Audi, Mercedes. Bis die Sehnsucht nach seinem alten roten Freund, der ihn so lang begleitet hat, Teil seiner Geschichte, seines Lebens ist, immer größer wird. »Mossi«, so nennt er liebevoll seinen »russenroten« Moskwitsch; Baujahr 1968, 75 PS, 1.500 Kubik, Höchstgeschwindigkeit 150 km/h. Den baut er nach der Wende eigenhändig aus drei alten Modellen wieder auf. Wenn er heute mit ihm auf den Straßen Brandenburgs unterwegs ist, empfindet Kunath reinstes Glück. Die Liebe zu den alten Fahrzeugen schweißt ihn mit anderen Autofreunden zusammen. DDR-Technik, Traktoren, Autos – das ist es, was ihnen Halt gibt. 2005 gründen sie den Oldtimerklub »Die Legende«. Für schnelle Flitzer oder aufgemotzte SUVs hat hier keiner Interesse.

Wir sprangen erstmal rauf aufs Neue, wollten auch die neuen Modelle fahren.
Die gesamte Geschichte zum Nachhören:

Hochrad

Hochrad für ein Kind aus geschmiedetem Eisen

Hochrad

Hochrad für ein Kind aus geschmiedetem Eisen (Foto: Armin Herrmann)

Moskwitsch-Motor

Motor eines Moskwitsch-408

Moskwitsch-Motor

Motor eines Moskwitsch-408 (Foto: Armin Herrmann)

Oldtimerklub «Die Legende»

Auto in der Werkstatt

Oldtimerklub «Die Legende»

Kartenansicht Auto in der Werkstatt (Foto: Andreas Batke)

In gute Hände

Marion Gollhardt

Buchhändlerin Marion Gollhardt hat sich mit dem eigenen Laden einen Lebenstraum verwirklicht.

Marion Gollhardt

Buchhändlerin Marion Gollhardt hat sich mit dem eigenen Laden einen Lebenstraum verwirklicht. (Foto: Andreas Batke)

In gute Hände

Die Bücherretterin von Neuzelle

Shakespeare, Goethe und Tolstoi, Eva Strittmatter und Mascha Kaléko, Karl May und Peter Hacks: »Es sollte von allem etwas da sein«, sagt Marion Gollhardt. Schließlich sind es vor allem Touristen, die den Weg in ihr kleines Antiquariat am Eingang des Klosters Neuzelle finden – einheimische Stammkunden mit Interesse an Spezialthemen gibt es wenig. Mit dem eigenen Laden hat sich die ausgebildete Buchhändlerin 2006 einen Lebenstraum erfüllt. Unterstützt von ihrem Mann, steht der Umsatz bei ihr nicht im Vordergrund. Während »normale Buchhandlungen ökonomisch denken müssen«, kann sie Bücher anbieten, die ihr wichtig sind – auch wenn sie vielleicht nur selten über den Ladentisch gehen. »Manche, die sie her bringen, überreichen jeden Band einzeln und erzählen die Geschichte, die sie mit ihm verbindet.« Sich von diesem Teil des eigenen Lebens zu trennen, fällt vielen schwer. »Sie wollen, dass ihre Bücher in gute Hände kommen und nicht in den Container wandern.« Im Neuzeller Antiquariat ist es dann an Marion Gollhardt, ihnen neue Besitzer zu suchen. »Der Kunde muss zum Buch passen«, ist dabei ihre Devise. Zumindest bei Exemplaren, die ihr am Herzen liegen. Das Dramatische für ihren Berufsstand sei, dass »die Titelkenntnis mit uns verschwindet. Es gibt eine Umwälzung in der Branche wie seit Gutenberg nicht mehr«. Das Leseverhalten habe sich einfach verändert. »Es werden immer weniger, die ein Buch in der Hand schätzen.«

Der Kunde muss zum Buch passen.
Die gesamte Geschichte zum Nachhören:

Antiquarische Bücher

Antiquarische Bücher

Antiquarische Bücher

Antiquarische Bücher aus Neuzelle (Foto: Armin Herrmann)

ebook Reader

ebook Reader vom Typ Amazon Kindle

ebook Reader

ebook Reader vom Typ Amazon Kindle (Foto: Armin Herrmann)

Antiquariat Neuzelle

Im Neuzeller Antiquariat ist das Platz nehmen und Lesen ausdrücklich erwünscht.

Antiquariat Neuzelle

Kartenansicht Im Neuzeller Antiquariat ist das Platz nehmen und Lesen ausdrücklich erwünscht. (Foto: Andreas Batke)

Der Gedenkstein

Norbert Kroker

Norbert Kroker, ehemaliger Leiter der Erich-und-Charlotte-Garske-Schule in Görsdorf bei Beeskow auf dem Campingplatz am Springsee

Norbert Kroker

Norbert Kroker, ehemaliger Leiter der Erich-und-Charlotte-Garske-Schule in Görsdorf bei Beeskow (Foto: Andreas Batke)

Der Gedenkstein

Erinnerung an Charlotte und Erich Garske an der Kleinen Springseequelle

Norbert Kroker, ehemaliger Direktor der Erich-und-Charlotte-Garske-Oberschule in Görsdorf bei Beeskow, kennt jene tollkühne Aktion einiger Möllendorfer: Im Sommer 1944, ein halbes Jahr nach der Ermordung der Kommunisten Erich und Charlotte Garske, transportierten sie einen Feldstein an die Kleine Quelle am Springsee. Norbert Kroker muss aber auch an die hohen Farne denken, die den Blick auf den Findling lange verdeckten. Ausgerechnet Millionäre aus dem Westen legten ihn 2013 wieder frei. Wo doch viele in der Umgegend wohnen, die die Namensgebung seiner Schule zum 25. Jahrestag der DDR 1974 miterlebten. Norbert Kroker hat auch noch die Entwürfe für die Garske-Gedenk-Medaille, die 1977 erstmals verliehen wurde. Als sich 1976 die SED-Kreisleitung am Gedenkstein traf, um dem Institut für Denkmalpflege der DDR Vorschläge zur Aufwertung des politischen Denkmals zu machen, war Norbert Kroker nicht dabei. Doch er hätte dem Stein sicherlich einen besseren Platz gegeben: an seiner Schule in Görsdorf. Empfohlen wurde vielmehr, den Findling durch einen Zementsockel anzuheben. Auch den 10. Jahrestag der Namensgebung 1984 hätte Norbert Kroker sicherlich gern in seiner alten Schule gefeiert, doch der Neubau in Tauche war fertig. Undokumentiert blieb dann die Entfernung des Namenszuges 1991. Nach der Schulschließung in Trebatsch kamen die Taucher 2006 zu dem Namen des Australienforschers Ludwig Leichhardt. Vielleicht wird ja irgendwann aus dem Rundwanderweg am Springsee der Garske-Trail.

Campingplatz am Springsee

Campingplatz am Springsee

Campingplatz am Springsee

Kartenansicht Campingplatz am Springsee (Foto: Andreas Batke)

Ein klares «Jein»

Florian Wilke (links) und Guido Strohfeldt

Florian Wilke (links) und Guido Strohfeldt auf dem Museumshof vor dem Leuchtturm in Fürstenwalde

Florian Wilke (links) und Guido Strohfeldt

Florian Wilke (links) und Guido Strohfeldt vor dem Leuchtturm auf dem Museumshof in Fürstenwalde (Foto: Andreas Batke)

Ein klares »Jein«

Die Innenstadt von Fürstenwalde

Im Frühjahr 1945 tritt die Rote Armee an der Oder zu ihrer Berlin-Operation an. Fürstenwalde wird zum Frontgebiet. Bodentruppen besetzen die Stadt am 22. April. Um den Vormarsch sowjetischer Truppen zu stoppen, sprengen Wehrmacht und Schutzstaffel die Spreebrücke und zünden die Innenstadt an. Damals ist Fürstenwalde schon lange kein mittelalterliches Städtchen mehr. Seit seiner Ersterwähnung im 13. Jahrhundert hat sich der Ort mehrfach gewandelt. Die alten Stadttore gibt es spätestens ab 1840 nicht mehr. Die Industrialisierung tut ihr Übriges. Neben der Ansiedlung des Pintsch-Zweigbetriebes im Norden des Bahnhofs werden im Stadtzentrum Brauereien errichtet. Jene, die im 19. Jahrhundert zu Geld gekommen, bauen sich neue Bürger-, Geschäfts- oder Kaufhäuser. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs sind jedoch gravierend. Weite Teile der Stadt weisen Schäden auf. Vollständig zerstört sind unter anderem der Dom und das »Neue Rathaus«. Während der Bereich von der Eisenbahnstraße bis zur Dom-Ruine bis in die 1990er-Jahre Freifläche bleibt, muss in den 1980er-Jahren die alte Stadtsubstanz in weiten Teilen Plattenbauten weichen. Genormte Betonbauten zu errichten ist billiger und einfacher als die Sanierung alter Häuser. Eine moderne Neubauwohnung bedeutet immerhin Abschied vom Plumpsklo im Hof. Die Stadt wird wiederaufgebaut, doch bleibt Fürstenwalde über 50 Jahre ohne wirkliches Stadtzentrum. Das ändert sich erst mit dem Bau der Fürstengalerie und des Rathauscenters.

Fürstenwalde

Das Alte und das neue Rathaus (links) von Fürstenwalde

Fürstenwalde

Kartenansicht Das Alte und das neue Rathaus (links) von Fürstenwalde liegen in Sichtweite. (Foto: Andreas Batke)

In Schullust

Schüler*innen

Schüler der Emil Molt Schule in Berlin spielen das "schweigende Klassenzimmer"

Schüler*innen

Schüler der 12. Klasse der Emil-Molt-Schule in Berlin-Zehlendorf spielen »Das schweigende Klassenzimmer« nach den Vorlagen von Dietrich Garstka und Lars Kraume. (Foto: Andreas Batke)

In Schullust

Die Europaschule Storkow

Aus dem Schutt des kriegszerstörten Storkow entstand nach Plänen von Robert Lenz bis 1949 der erste Schulneubau der DDR. 1965 kam ein Erweiterungsbau dazu, nun nicht mehr wie geplant. In den 1970er-Jahren folgten aus vorgefertigten Platten, Typ Erfurt, ein weiterer Schulteil und eine Turnhalle. Die Idee des Campus mit miteinander verbundenen Gebäuden wurde aufgegeben. Erst 1996 baute man wieder; 2006 wich die alte Turnhalle einer Multifunktionshalle. Eine Baugeschichte, die von gesellschaftlichen Umwälzungen und politischen Entscheidungen zeugt, und davon, dass nichts lange Bestand hat. Und die Schüler? Fall 1: Anfang November 1956 besetzten Sowjettruppen Ungarn. Der RIAS berichtete und auch die Storkower erfuhren vom vermeintlichen Tod Ferenc Puskas‘, ihrem Fußballhelden. Am 29. und 30. Oktober 1956 hielt die 11. Klasse für ihn Schweigeminuten. Man versuchte die Rädelsführer auszumachen, doch die Jugendlichen hielten zusammen. Ihnen wurde das Abitur verwehrt. Sechzehn flohen nach West-Berlin. Im hessischen Bensheim legten sie ein Jahr später ihre Reifeprüfung ab. Fall 2: Am 1. September 2000 zählte Kreisschulrätin Regina Schenk persönlich in Storkow die Schülerinnen und Schüler der elften Klassen. Statt auf 40 kam sie auf 39 und schickte diese heim. Es sollte in Storkow keine elften Klassen geben. Vom 11. bis 19. September 2000 organisierte sich der Storkower Schulstreik, ein Unterrichts-Marathon in Schülerregie. Dieser Sieg gegen das Bildungsministerium war jedoch ein Sieg auf Zeit. 2009 verlor die Storkower Schule endgültig die Abiturstufe. Anke Dreier, damals in der 13. Klasse, nach dem Streik: »…Politik will ihr Bild in der Öffentlichkeit erhalten. Es geht um Machterhalt, mehr nicht.«

Stapelbare Stühle

Stapelbare Stühle aus dem Schulbetrieb der DDR

Stapelbare Stühle

Stapelbare Stühle aus dem Schulbetrieb der DDR, Modell 3101, 1960er- bzw. 1970er-Jahre (Foto: Armin Herrmann)

Stapelbarer Stuhl

Stapelbare Stühle aus dem Schulbetrieb der DDR

Stapelbarer Stuhl

Stapelbarer Stuhl aus dem Schulbetrieb der DDR, Modell 3101, 1960er-Jahre (Foto: Armin Herrmann)

Schulbank

Schulbank aus dem 19. Jahrhundert

Schulbank

Schulbank, Dreisitzer, um 1900 (Foto: Armin Herrmann)

Schulglocke

Schulglocke, umfunktionierte Kuhglocke (Trychle)

Schulglocke

Schulglocke, umfunktionierte Kuhglocke (Trychle), 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts (Foto: Armin Herrmann)

Filmplakat

Filmplakat "Das schweigende Klassenzimmer"

Filmplakat

Filmplakat »Das schweigende Klassenzimmer«

Europaschule Storkow

Europaschule Storkow

Europaschule Storkow

Kartenansicht Europaschule Storkow: Hörsaalbau (Foto: Andreas Batke)

Eine Flussgeschichte

An der Oder

Die Kajüte in Ratzdorf

An der Oder

Kartenansicht Die Kajüte in Ratzdorf (Foto: Andreas Batke)

Eine Flussgeschichte

Auf der Oder von Ratzdorf nach Zollbrücke

Eigentlich tut die Oder, was sie will. Oft führt sie so wenig Wasser, dass die Schifffahrt zusammenbricht, und im Winter kommt es zu bedrohlichen Eisstaus. Über wirtschaftliche Interessen bleibt die Natur stets Sieger, denn den Fluss zu beherrschen kostet. Auf diesem Strom muss Mensch sich anders fortbewegen. Die Oder eignet sich an, wer eine Strecke mit den Fluten zurücklegt. Das weiß auch Alexander, ein Zimmermann, der einst auf seiner Walz in Ratzdorf an der Oder abgestiegen war. Seine Wanderschaft begann am Lehrort in Neulietzegöricke im Oderbruch und sollte dort auch enden. Da Alex‘ Lehrbetrieb nur 900 Meter von der Oder entfernt lag – mit dem Ortsschild, über das jeder »fremdgeschriebene Geselle« klettern muss – entschied er, übers Wasser zu kommen, und zwar auf einem Floß, ganz wie die alten Oderflößer. Sein Weg führte ihn zunächst nach Ratzdorf, in die Gast- und Tanzwirtschaft Kajüte. Dort konnte man ihm weiterhelfen. Intuitiv benutzte er den historischen Flößerplatz vis-à-vis. 109 Flusskilometer lagen vor ihm und seinen 13 Freunden. Vier Tage ging die Fahrt den Fluss hinab, vier Tage auf zehn Metern Floß. Die Ruderblätter waren selbst gebaut und die Stiele so lang, dass sie noch in der Flussmitte den Grund berührten. In Zollbrücke erwarteten ihn Meister und Familie. Unter großem Hallo stieg Alex über das Ortsschild. Und die Oder? Alex wird still: »Was für ein unglaublich schöner Fluss, mit seinen dichten Auenwäldern. So eine großartige Natur.«

Was für ein unglaublich schöner Fluss.

Kajüte Ratzdorf

Der Saal in der Kajüte Ratzdorf

Kajüte Ratzdorf

Der Saal in der Kajüte Ratzdorf ist auch mit viel ehrenamtlichem Engagement wieder auf Vordermann gebracht worden. (Foto: Andreas Batke)

Haus im Ehrenamt

Sabine Reichardt

Sabine Reichardt vor dem Strohhaus Neuzelle

Sabine Reichardt

Für Sabine Reichardt riecht es im Strohhaus Neuzelle wie bei ihrer Großmutter. (Foto: Andreas Batke)

Haus im Ehrenamt

Das Strohhaus Neuzelle

Als Bauingenieurin hat Sabine Reichardt mit moderner Fassadendämmung zu tun. Das alte Strohhaus in Neuzelle braucht sie als Gegenpol und Ausgleich. Ein Haus, wo nichts gerade ist und die Dämmung aus Naturstoffen besteht. 1780 erbauten es der aus Böhmisch-Leipa stammende Tuchmachermeister Franz Flickschuh und seine Frau Maria. Als Sabine 1995 Gründungsmitglied des Vereins »Strohhaus Neuzelle e.V.« wird, ist ihr noch nicht klar, was das bedeutet. Jahre später beschreibt sie es so: »Wenn ich durch die Tür gehe, tauche ich in eine andere Zeit ein. Ich zeige die kleinen Stuben mit den Bettwinkeln, die Vorratskammer mit dem schmalen Abgang zum Keller. Viele können sich gar nicht vorstellen, wie hier noch um 1900 Familie Heide mit 13 Kindern gewohnt hat.« In der Schwarzen Küche führt sie dann gern die Ofengabel vor. Für den Verein ist das Strohhaus Museum und Treffpunkt zugleich. Deshalb gibt es die historischen Markttage, die Spinnstube, den Adventsabend und die Ostereier-Ausstellung. Zu den »Mühen der Ebene« gehört, das Haus offen zu halten. Die Vereinsmitglieder sind fast alle berufstätig und übernehmen trotzdem an den Wochenenden die Aufsicht. Auf die Frage, ob dieses ehrenamtliche Engagement irgendwann schwinden wird, antwortet Sabine: »Ich bin optimistisch!« Denn auch sie weiß: Ohne das Ehrenamt geht es nicht. In Deutschland halten 23 Millionen Ehrenamtliche große Bereiche des öffentlichen Lebens aufrecht – in 4,6 Milliarden unbezahlten Stunden pro Jahr.

Ich bin optimistisch!

Ofengabel

Kleine Ofen- oder Topfgabel aus dem 19. Jahrhundert

Ofengabel

Kleine Ofen- oder Topfgabel, 19. Jahrhundert (Foto: Armin Herrmann)

Strohhaus Neuzelle

Das Strohhaus Neuzelle von vorn

Strohhaus Neuzelle

Kartenansicht Die Vorderseite vom Strohhaus Neuzelle (Foto: Andreas Batke)

Im Haus

Die Mitte des Hauses bildet die Schwarze Küche, die nach oben in einer Schornsteinöffnung endet.

Im Haus

Strohhaus Neuzelle: Die Mitte des Hauses bildet die Schwarze Küche, die nach oben in einer Schornsteinöffnung endet. (Foto: Andreas Batke)