Fahrrad war gestern

Steffen Abel

Steffen Abel mag an seinem Beruf besonders, mit Menschen in Kontakt zu sein. (Foto: Andreas Batke)

Steffen Abel

Steffen Abel mag an seinem Beruf besonders, mit Menschen in Kontakt zu sein. (Foto: Andreas Batke)

Fahrrad war gestern

20 Zustellbezirke werden von der Deutschen Post von Beeskow aus beliefert. Briefe, Päckchen und Pakete werden dafür auf dem Gelände der ehemaligen Milchwerke Oder-Spree sortiert und in die Postautos geladen. 26 Fahrzeuge zählt die Flotte, 21 von ihnen fahren mit Strom. Das letzte Postfahrrad am Standort Beeskow ist vor drei Jahren mit seiner Zustellerin in Rente gegangen. Steffen Abel ist seit 19 Jahren bei der Post; seit vier Jahren als stellvertretender Standortleiter in Beeskow. Der Morgen für die Zustellerinnen und Zusteller beginnt gewöhnlich um 8 Uhr mit dem Sortieren der Post, die zuvor aus dem Logistikzentrum in Berlin-Schönefeld angeliefert wird und dem DHL Paketzentrum Rüdersdorf (Märkisch Oderland). Jeder Mitarbeitende hat dafür einen Arbeitsplatz, an dem er die Briefe passend zu seiner Tour »in Gangfolge« bringt. Bei Abel sind das an diesem Montag kaum zwei Handvoll: Wurden 2010 deutschlandweit pro Tag durchschnittlich 68 Millionen Briefe mit der Deutschen Post versandt, waren es 2024 nur noch 46 Millionen. Der Anteil der von DHL beförderten Pakete im selben Zeitraum hat sich dagegen mehr als verdoppelt, von 2,6 auf 6,3 Millionen. Steffen Abel lädt jeden Morgen im Durchschnitt 100 bis 140 Pakete in seinen Bus – und später wieder aus. Herzberg, Lindenberg, Tauche, Glienicke – all diese Orte fährt er an. Es gibt Leute, bei denen hält Abel täglich – und sei es, um eine Retoure entgegen zu nehmen. Wer selten zu Hause ist, hat meist einen netten Nachbarn – oder im besten Fall einen Ablageort vereinbart. »Auf dem Land ist das gängig«, sagt Abel.

Sie glauben gar nicht, was die Leute alles bestellen!

Beeskow

Blick ins Beeskower Zustellzentrum der Deutschen Post auf dem Gelände der ehemaligen Milchwerke Oder-Spree (Foto: Andreas Batke)

Beeskow

Kartenansicht Blick ins Beeskower Zustellzentrum der Deutschen Post auf dem Gelände der ehemaligen Milchwerke Oder-Spree (Foto: Andreas Batke)

Routenplaner

Routenplan an einem Verteilerspind (Foto: Andreas Batke)

Routenplaner

Routenplan an einem Verteilerspind (Foto: Andreas Batke)

Hut eines Postillons

Ende des 19. Jahrhunderts, Herkunft unbekannt, Lederkorpus mit Krempe, Tressenband mit Schnalle, Reichsadler mit dem Posthorn (Emblem der Deutschen Reichspost [1871– 1919]), farbig lackierte Landeskokarde, innen: Schweißleder, Filz (Regenschutz), Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Hut eines Postillons

Ende des 19. Jahrhunderts, Herkunft unbekannt, Lederkorpus mit Krempe, Tressenband mit Schnalle, Reichsadler mit dem Posthorn (Emblem der Deutschen Reichspost [1871– 1919]), farbig lackierte Landeskokarde, innen: Schweißleder, Filz (Regenschutz), Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Datenerfassungsterminal

Zebra Technologies, für die Erfassung gedruckter und elektronischer 1D- und 2D-Barcodes (Foto: Bernd Choritz)

Datenerfassungsterminal

Zebra Technologies, für die Erfassung gedruckter und elektronischer 1D- und 2D-Barcodes (Foto: Bernd Choritz)

24 Stunden

Alexander Weber

Notfallsanitäter Alexander Weber (Foto: Andreas Batke)

Alexander Weber

Notfallsanitäter Alexander Weber (Foto: Andreas Batke)

24 Stunden

Um 7 Uhr ist Schichtwechsel in der Rettungswache Weichensdorf. Zwischen Agrarlager, altem Bahnhof und einer »Platte« treten Notfallsanitäter Alexander Weber und sein Kollege und stellvertretender Wachenleiter Enriko Grasme ihren Dienst an. 24 Stunden liegen vor beiden. Die Rettungswache Weichensdorf wird unter den Rettern liebevoll »Schlafwache« oder auch »Dornröschenwache« genannt. Dort passiert so gut wie nichts – 580 Einsätze 2023 sprechen nicht gerade für einen stressigen Arbeitsalltag. Und doch hat die Wache ihre Berechtigung, denn das Gesetz über den Rettungsdienst im Land Brandenburg legt eine Hilfsfrist fest. Träger des bodengebundenen Rettungsdienstes müssen die Rettungswachen so errichten, dass jeder an einer öffentlichen Straße gelegene Einsatzort in 95 Prozent aller Fälle innerhalb von 15 Minuten erreicht werden kann. »Wir leben mit der Lage in der Lage«, erläutert Alexander Weber. Will heißen, er stellt sich auf alles ein, was eben kommt, ist immer einsatzbereit, auch wenn kein Einsatz stattfindet. Auf dem Land warten die Menschen lange ab. »Erst, wenn gar nichts mehr geht, rufen sie an.« Mehr als 40.500 Einsätze jährlich werden im Landkreis Oder-Spree gefahren, Tendenz steigend. Wie überall, fehlen dafür Arbeitskräfte, denn um einen RTW durchgängig zu besetzen, benötigt der Rettungsdienst zehn Retter. Für jede Fahrt braucht es ein Team aus Notfallsanitäter und Rettungssanitäter. Das ist der Mindestbesatz. Der Unterschied: Der Notfallsanitäter hat eine dreijährige Ausbildung, der Rettungssani nur eine 13-wöchige. 2024 treten im gesamten Landkreis zwölf Azubis in den Rettungsdienst. Ein großer Erfolg.

Wir leben mit der Lage in der Lage.

Rettungswache Weichensdorf

Rettungswache in Weichensdorf, die unter den Rettern liebevoll »Dornröschenwache« genannt wird (Foto: Andreas Batke)

Rettungswache Weichensdorf

Kartenansicht Rettungswache in Weichensdorf, die unter den Rettern liebevoll »Dornröschenwache« genannt wird (Foto: Andreas Batke)

Fahrtrage (überholt)

Fahrtrage Modell 6100 M-1 Roll-In-System aus 2020 vom Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree GmbH (Foto: Bernd Choritz)

Fahrtrage (überholt)

Fahrtrage Modell 6100 M-1 Roll-In-System aus 2020 vom Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree GmbH (Foto: Bernd Choritz)

Historische Trage

Erster Weltkrieg (1914–1918), zusammenklappbar, Firma Jahn, Holz/Textil/Metall, Leihgeber: Museum Fürstenwalde (Foto: Bernd Choritz)

Historische Trage

Erster Weltkrieg (1914–1918), zusammenklappbar, Firma Jahn, Holz/Textil/Metall, Leihgeber: Museum Fürstenwalde (Foto: Bernd Choritz)

Oase am Fluss

Kersdorfer Schleuse

Seit 1891 ist die Kersdorfer Schleuse in Betrieb. (Foto: Andreas Batke)

Kersdorfer Schleuse

Kartenansicht Seit 1891 ist die Kersdorfer Schleuse in Betrieb. (Foto: Andreas Batke)

Oase am Fluss

»Die Schleuse war für mich in den 43 Berufsjahren immer wie eine Oase, wo man gern hinfährt«, sagt Schleusenwärterin Regina Waschkowski. Zu DDR-Zeiten gab es elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Zwei-Schicht-System ihren Dienst versahen. »Die Arbeit war damals körperlich schwer, aber auch abwechslungsreich.« Das Öffnen der Tore, das Entkoppeln von Behältern überlanger Schubverbände, Leinenfestmachen und die Abgabenerhebung zählten genauso zum Aufgabenbereich wie die Reinigung des Geländes. Die erste Schleuse in Kersdorf, die sogenannte Südkammer, nahm 1891 als Einkammerschleuse ihren Betrieb auf. Ihre nutzbare Länge betrug 55 Meter. Der Bau der Nordkammer erfolgte 1904. Um größeren Schiffen die Fahrt auf dem Oder-Spree-Kanal zu ermöglichen, wurde 1928 das Tor der Südkammer ersetzt. Dadurch konnte die Schleuse nun auch Schiffe bis zu einer Länge von 67 Metern aufnehmen. Nach dem Mauerfall 1989 ging die Berufsschifffahrt zurück, und auch die Arbeitsweise an der Kersdorfer Schleuse änderte sich. Mit zunehmender Technisierung wurden weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebraucht. »Heute ist es ein Alleinarbeitsplatz mit einem großen Anteil Computerarbeit und wenig persönlichem Kontakt zu den Schiffsführern.« Aktuell passieren rund 20.000 Tonnen an Lasten pro Monat die Schleuse, unter anderem Kies, Papier aus Schwedt und Hüttensand aus Eisenhüttenstadt. »Mir ist aus DDR-Zeiten noch die Zahl von zwei Millionen transportierten Tonnen pro Jahr im Kopf geblieben. Die Berufsschifffahrt auf dem Oder-Spree-Wasserweg ist aufgrund des Niedrigwassers unbeständig.«

Das Potenzial wird aus meiner Sicht leider nicht ausgeschöpft.

Kersdorfer Schleuse

Blick in die sich füllende, alte Schleusenkammer (Foto: Andreas Batke)

Kersdorfer Schleuse

Kartenansicht Blick in die sich füllende, alte Schleusenkammer (Foto: Andreas Batke)

Schiffsmodell

Das Schiffsmodell wurde vom Heimatverein Gosen-Neu-Zittau geliehen (Foto: Bernd Choritz)

Schiffsmodell

Das Schiffsmodell wurde vom Heimatverein Gosen-Neu-Zittau geliehen (Foto: Bernd Choritz)

Zubehör eines Schleusenwärters

Protokollbuch »Besondere Vorkommnisse über Arbeitsschutz und Sicherheit Kersdorf«, 2.6.1958–19.2.1966, Papier/Pappe Verkehrstagebuch, 12.5.2009-5.10.2010, Papier/Pappe, MS=Motorschiff, FG=Fahrgastschiff, MB=Motorboot, PB=Paddelboot, SB=Schubboot Schreibgarnitur mit Löschwippe, 1930er-Jahre, Marmor/ Holz/Texti (Foto: Bernd Choritz)

Zubehör eines Schleusenwärters

Protokollbuch »Besondere Vorkommnisse über Arbeitsschutz und Sicherheit Kersdorf«, 2.6.1958–19.2.1966, Papier/Pappe Verkehrstagebuch, 12.5.2009-5.10.2010, Papier/Pappe, MS=Motorschiff, FG=Fahrgastschiff, MB=Motorboot, PB=Paddelboot, SB=Schubboot Schreibgarnitur mit Löschwippe, 1930er-Jahre, Marmor/ Holz/Texti (Foto: Bernd Choritz)

Tradition an der Spree

Mario Müller

Mario Müller in seiner Werkstatt in Werder (Foto: Andreas Batke)

Mario Müller

Mario Müller in seiner Werkstatt in Werder (Foto: Andreas Batke)

Tradition an der Spree

Am Südrand des Landkreises Oder-Spree liegt das kleine, rund 90 Einwohner zählende Dorf Werder/Spree. Der namensgebende Fluss hat hier gerade den Unterspreewald hinter sich gebracht und schlängelt sich durch eine teils unberührte Wiesenlandschaft. Die Spree spielte in den vergangenen Jahrhunderten für Transporte im direkten Umfeld eine deutlich größere Rolle als heute. Menschen, Rohstoffe und Waren wurden auf dem Wasser geholt und gebracht. Mit Holzkähnen, besser bekannt als Spreewaldkähne, waren etwa Bauern regelmäßig unterwegs. Zum Fischen brauchten sie wiederum andere, kleinere Boote – sogenannte Schweffkähne. In Werder/Spree werden noch immer unterschiedliche Kähne gebaut. Der Tischler Mario Müller, ein echter »Werderaner«, Ortsvorsteher und heute 56 Jahre alt, führt dort das Handwerk seines Großvaters Paul Müller fort. Von Anfang an war dabei klar, dass es sich nur um eines von vielen Geschäftsfeldern handeln konnte. Denn die Bedeutung der Spreewaldkähne – vor allem aus Holz – ist über die Jahre stetig gesunken. Müller baut ausschließlich sogenannte Längsbohlenkähne in traditioneller Weise wie vor 150 Jahren. Drei lange Bohlen für den Boden und zwei an jeder der bis zu 30 Zentimeter hohen Seiten verbindet er miteinander. Die Bohlen bestehen meist aus Kiefernholz. Über Feuer und Wasserdampf biegt Mario Müller die Bohlen so, dass sie eine stromlinienähnliche Form bekommen und fügt sie später mit gebogenen Nägeln zusammen. Versenkt im Boden, bleiben sie unsichtbar. Rund zehn Arbeitstage dauert der Prozess. Je nach zusätzlichen Aufbauten liegen die Preise bei mehr als 5.000 Euro.

Mit dem Holzkahnbau ist heute kaum noch Geld zu verdienen.

Werder/Spree

Die Spreeaue mit Altarmstümpfen bei Werder/Spree (Foto: Andreas Batke)

Werder/Spree

Kartenansicht Die Spreeaue mit Altarmstümpfen bei Werder/Spree (Foto: Andreas Batke)

Werder/Spree

Aus Eschenholz gefertigtes »Rudel«, eine ca. vier Meter lange Stange, mit der die Spreewaldkähne »gestakt« werden (Foto: Andreas Batke)

Werder/Spree

Kartenansicht Aus Eschenholz gefertigtes »Rudel«, eine ca. vier Meter lange Stange, mit der die Spreewaldkähne »gestakt« werden (Foto: Andreas Batke)

Modell eines Längsbohlenkahns (Bug)

2025, Eigenbau, Kiefernholz, Leihgeber: Mario Müller, Gemeinde Tauche, Ortsteil Werder (Spree) (Foto: Bernd Choritz)

Modell eines Längsbohlenkahns (Bug)

2025, Eigenbau, Kiefernholz, Leihgeber: Mario Müller, Gemeinde Tauche, Ortsteil Werder (Spree) (Foto: Bernd Choritz)

Einbaum

Alter unbekannt, gefunden bei Königs Wusterhausen, Kiefer, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Einbaum

Alter unbekannt, gefunden bei Königs Wusterhausen, Kiefer, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Spitzen zweier Rudel (Spezialruder), alt und neu

Alt: um 1900, Herkunft unbekannt, Eisenblech, stark korrodiert, neu: 2024, Eisenblech (Motiv Schlangenkönig), Leihgeber: Mario Müller, Gemeinde Tauche, OT Werder (Spree) (Foto: Bernd Choritz)

Spitzen zweier Rudel (Spezialruder), alt und neu

Alt: um 1900, Herkunft unbekannt, Eisenblech, stark korrodiert, neu: 2024, Eisenblech (Motiv Schlangenkönig), Leihgeber: Mario Müller, Gemeinde Tauche, OT Werder (Spree) (Foto: Bernd Choritz)

Wenn das Rad Arthrose hat

Steffen Hirt

Steffen Hirt in seinem Fahrradladen in Beeskow (Foto: Andreas Batke)

Steffen Hirt

Steffen Hirt in seinem Fahrradladen in Beeskow (Foto: Andreas Batke)

Facharzt für Fahrradarthrose

Seit fast 20 Jahren betreibt Steffen Hirt sein Geschäft »Fahrrad-Müller«: in einem kleinen Haus in Beeskow, schräg gegenüber der Burg. Dort ist er Verkäufer, Mechaniker und Buchhalter in Personalunion. Das Geschäft hat er mit allem Drum und Dran vom Vorbesitzer übernommen. »Fahrrad- Müller – den Laden kannte hier jeder, warum hätte ich den Namen ändern sollen?« Der E-Bike-Boom ist längst auch bei »Fahrrad-Müller « angekommen. Jedes zweite Fahrrad, das Hirt verkauft, läuft mit Elektromotor. Er sieht das pragmatisch. »Wegen der E-Bikes steigen Leute wieder aufs Rad, die das sonst nicht tun würden. Sie bewegen sich wieder draußen und auch insgesamt mehr.« Außerdem hat er Kunden, denen es nicht allein um ein neues Freizeitvergnügen geht. Bei ihm hat sich eine Frau ein E-Bike gekauft, um damit täglich mehr als 20 Kilometer zur Arbeit zu pendeln. »Gäbe es keine E-Bikes, würde sie das Auto nicht stehen lassen«, sagt Hirt. Als er sein Geschäft übernahm, bot er nur ein Drittel der Fahrräder und Ersatzteile an, die er heute vertreibt. Dann kamen die Gravelbikes, Mountainbikes mit 28, sogar mit 29 Zoll, elektrische Schaltungen, Riemenantrieb statt Kette, Scheibenbremsen, Nabendynamo, Carbon vom Lenker bis zum Sattel, Fahrradschlösser, die sich per App öffnen lassen. Die Elektrifizierung des Drahtesels hat Steffen Hirts Beruf verändert. Aus dem Fahrradmechaniker ist ein Mechatroniker geworden.

Wegen der E-Bikes steigen Leute wieder aufs Rad, die das sonst nicht tun würden.

»Fahrrad-Müller« in Beeskow

Steffen Hirts Laden gegenüber von der Burg Beeskow (Foto: Andreas Batke)

»Fahrrad-Müller« in Beeskow

Kartenansicht Steffen Hirts Laden gegenüber von der Burg Beeskow (Foto: Andreas Batke)

»Tour de MOZ«

In der Region wird gern gemeinsam geradelt - zum Beispiel bei der regelmäßigen »Tour de MOZ« der Märkischen Oderzeitung. (Foto: Andreas Batke)

»Tour de MOZ«

Kartenansicht In der Region wird gern gemeinsam geradelt – zum Beispiel bei der regelmäßigen »Tour de MOZ« der Märkischen Oderzeitung. (Foto: Andreas Batke)

Mifa Klappfahrrad

Baujahr 1967, Modell 901, Rahmen-Nr. 07.289, frühes Exemplar aus dem VEB (Volkseigener Betrieb) Mifa-Werk Sangerhausen, Neupreis: 293 bis 301 Mark der DDR, Aluminium/ Gummi/Stahl/Kunststoff, Sammlung: Museum Utopie und Alltag, Bestand Alltagskultur (Foto: Bernd Choritz)

Mifa Klappfahrrad

Baujahr 1967, Modell 901, Rahmen-Nr. 07.289, frühes Exemplar aus dem VEB (Volkseigener Betrieb) Mifa-Werk Sangerhausen, Neupreis: 293 bis 301 Mark der DDR, Aluminium/ Gummi/Stahl/Kunststoff, Sammlung: Museum Utopie und Alltag, Bestand Alltagskultur (Foto: Bernd Choritz)

E-Bike-Motor

2009, Boss Classic Line Motor Gen. 1, erstes E-Bike-MotorModell der Firma Robert Bosch GmbH, die heute 50 E-Bike Marken beliefert, Kunststoff/diverse Metalle, Leihgeber: Steffen Hirt, Beeskow (Foto: Bernd Choritz)

E-Bike-Motor

2009, Boss Classic Line Motor Gen. 1, erstes E-Bike-MotorModell der Firma Robert Bosch GmbH, die heute 50 E-Bike Marken beliefert, Kunststoff/diverse Metalle, Leihgeber: Steffen Hirt, Beeskow (Foto: Bernd Choritz)

Fahrradhelm

Vor 2019, Modell KTM Factory Team Unisex, Firma KTM, Polycarbonat/Textil, ausgemustert, Leihgeber: Steffen Hirt, Beeskow (Fahrrad-Müller) (Foto: Bernd Choritz)

Fahrradhelm

Vor 2019, Modell KTM Factory Team Unisex, Firma KTM, Polycarbonat/Textil, ausgemustert, Leihgeber: Steffen Hirt, Beeskow (Fahrrad-Müller) (Foto: Bernd Choritz)

Hinterm Lenkrad sitzt ein Mensch

Udo Prautsch

Der selbstständige Lkw-Fahrer Udo Prautsch (Foto: Andreas Batke)

Udo Prautsch

Der selbstständige Lkw-Fahrer Udo Prautsch (Foto: Andreas Batke)

Hinterm Lenkrad sitzt ein Mensch

Udo Prautsch fing als angestellter Kraftfahrer seine Berufslaufbahn an. Im Jahr 2005 machte er sich selbstständig. Er gründete in Falkenberg bei Tauche die Firma »Udo Prautsch«, kaufte seinen ersten Lkw, fuhr die ersten fünf Jahre lang allein und vergrößerte sich Schritt um Schritt. Heute sind neun Fahrer bei ihm angestellt, die alle einen von Prautschs Lastwagen fahren. Sie wohnen – fast alle – in den Dörfern ringsum. Ihr Kerngeschäft ist jedoch nicht, in die Ferne zu fahren, sondern sie pendeln zwischen den Dörfern, Fürstenwalde/Golm, Eisenhüttenstadt und Rüdersdorf hin und her. Das Kerngeschäft des Unternehmens »Udo Prautsch« ist der Transport von Abfall. Die ersten Jahre, als er noch alleine fuhr, waren die einfachsten, zieht Prautsch Bilanz. Denn mit jedem neuen Fahrzeug wachsen die Kredite an, die bedient werden müssen. Und mit jedem Angestellten wächst der Druck, für alle Fahrer auch immer ausreichend Aufträge zu haben. Zugleich dürfen die Fahrer, damit keine Schieflage entsteht, nicht allzu oft ausfallen – durch Krankheit oder andere Faktoren, die nicht planbar sind. Dazu kommen Ausgaben für Reparaturen, die höheren Benzinpreise und die Kosten für die Maut, die enorm gestiegen sind. In die Zukunft blickt Prautsch mit gemischten Gefühlen. Zum Beispiel ist da die Diskussion um E-Mobilität für Lkw. Dem steht er – beim Stand der heutigen Entwicklung – skeptisch gegenüber. »Ein Elektro-Lkw ist etwa drei Mal so teuer wie Verbrenner«, sagt er. Zudem seien heute weder die nötigen Reichweiten gegeben, noch die Möglichkeiten, einen E-Lkw flächendeckend aufladen zu können. Gerade auf dem Land seien diese Kapazitäten an vielen Orten schlichtweg nicht vorhanden.

Die Lohnkosten sind noch der kalkulierbarste Posten.

Falkenberg (Tauche)

Ein Lkw von Udo Prautsch in Falkenberg (Foto: Andreas Batke)

Falkenberg (Tauche)

Kartenansicht Ein Lkw von Udo Prautsch in Falkenberg (Foto: Andreas Batke)

Arbeitsort Fahrerkabine

Fahrerkabine eines Lkw (Foto: Andreas Batke)

Arbeitsort Fahrerkabine

Fahrerkabine eines Lkw (Foto: Andreas Batke)

Tankstelle im Niemandsland

Żytowań/Coschen

Die Brücke »Neißewelle« (Foto: Andreas Batke)

Żytowań/Coschen

Kartenansicht Die Brücke »Neißewelle« (Foto: Andreas Batke)

Tankstelle im Niemandsland

Über die Brücke muss Katarzyna Niemców nicht fahren, um zur Arbeit zu kommen. »Ich komme aus Lubsko«, sagt die junge Frau. «Das sind 23 Kilometer bis hierher.« Lubsko ist eine kleine Stadt in der Woiwodschaft Lebuser Land. Der Krieg brachte die Grenze in die Nähe von Lubsko. Und die Grenze verhalf, sehr viel später, Katarzyna Niemców zu einem Job. Seit fünf Jahren ist sie so etwas wie die geschäftsführende Mitarbeiterin der Tankstelle »Power« im polnischen Grenzdorf Żytowań. Wer die Tankstelle besucht, beobachtet an den Zapfsäulen meist Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen. LOS. EH. BSK. GUB. SPN. Und die Kunden aus Polen? Es gibt sie, beteuert Katarzyna Niemców. »Inzwischen machen die Polen ein Fünftel unserer Kundschaft aus.« 40 Kilometer lang ist die Grenze des Landkreises Oder-Spee zu Polen. Doch lange Zeit führte im Landkreis keine Brücke über Oder oder Neiße. Statt großer Lösungen gab es im November 2014 eine kleine. Eine 101 Meter lange Brücke über die Lausitzer Neiße, kurz bevor diese in Ratzdorf in die Oder mündet. »Wir sind kein Sackgassen-Dorf mehr«, freute sich Edmund Henze, Ortsvorsteher von Coschen, im Gespräch mit der Märkischen Oderzeitung, da war der Übergang schon drei Jahre in Betrieb, die Euphorie verflogen. Freundschaften oder Bekanntschaften seien zwischen Coschen, dem Grenzdorf auf der deutschen Seite der Neiße, und dem zweieinhalb Kilometer entfernten polnischen Żytowań nicht entstanden. Mit 1.000 Fahrzeugen am Tag hatte der Landkreis Oder-Spree gerechnet. 2018 waren es etwa ein Fünftel davon. Dabei hat der Bau der 14 Meter breiten »Neißewelle« 5,46 Millionen Euro gekostet. 85 Prozent der Baukosten hat die Europäische Union zugeschossen. Viel Geld für eine Verbindung, die kaum einer nutzt. Es sei denn zum Tanken bei »Power«.

Am Anfang haben wir uns gefragt, (…) ob überhaupt Kunden kommen.

Tankstelle »Power«

Zwischen Deutschland und Polen liegt die Tankstelle »Power« (Foto: Andreas Batke)

Tankstelle »Power«

Kartenansicht Zwischen Deutschland und Polen liegt die Tankstelle »Power« (Foto: Andreas Batke)

Vorsicht Stoppschild!

Peter und Anke Boldt, Phil Kusche

Phil Kusche (r.) soll die Fahrschule eines Tages übernehmen. (Foto: Andreas Batke)

Peter und Anke Boldt, Phil Kusche

Phil Kusche (r.) soll die Fahrschule eines Tages übernehmen. (Foto: Andreas Batke)

Vorsicht Stoppschild!

Anke Boldt ist die Frau des Chefs. Ihr Mann, Peter Boldt, ist seit fast 25 Jahren Inhaber der Fahrschule Boldt in Gosen-Neu Zittau. 2004 lernte er über das Internet Anke kennen, sie verliebten sich, heirateten. Und er sagte: »Kannst Fahrlehrerin werden und bei mir anfangen.« Mit ihrer Entscheidung brach sie in eine Männerdomäne ein, denn Fahrschullehrerinnen sind immer noch selten. Um heute einen Führerschein zu erlangen, muss man relativ tief in die Tasche greifen. 2.500 bis 3.000 Euro sind die Regel. Als Anke Boldt 2006 als Fahrschullehrerin anfing, lagen die Preise noch zwischen 800 und 900 Euro. Mehr als 2.500 Fahrschüler aus Berlin und Brandenburg haben bisher in der Fahrschule Boldt das Fahren erlernt und den Führerschein erworben – hauptsächlich für Pkw, Motorräder und Pkw-Anhänger. Nicht nur die Preise haben sich in den 19 Jahren ihrer Fahrschul-Zeit verändert, auch die Kunden. »Es ist schon auffällig, wie unkonzentriert heutzutage junge Menschen fahren«, beobachtet Anke Boldt. Manche hätten auch motorische Schwierigkeiten, könnten nicht lenken und hätten Mühe, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun: auf die Verkehrsschilder zu achten, zu blinken, zu schalten oder zu bremsen. »Früher waren solche Defizite die Ausnahme, heute sind sie fast die Regel.« Phil Kusche ist erst seit Juni 2023 Fahrschullehrer. Ab 2025 soll er das Unternehmen der Boldts übernehmen und sein eigener Chef werden. Phil Kusche macht seinen Job gern, »auch weil ich fast nur mit jungen Leuten zu tun habe. Ich lerne ständig neue Menschen kennen, kann ihnen was beibringen, wir arbeiten gemeinsam an einem Ziel – dem Führerschein.«

Es ist schon auffällig, wie unkonzentriert heutzutage junge Menschen fahren.

Gosen-Neu Zittau

Schulterblick von Anke Boldt (Foto: Andreas Batke)

Gosen-Neu Zittau

Kartenansicht Schulterblick von Anke Boldt (Foto: Andreas Batke)

Fahrschulautos sind für alles gerüstet

Anke Boldt bei ihrer Arbeit (Foto: Andreas Batke)

Fahrschulautos sind für alles gerüstet

Kartenansicht Anke Boldt bei ihrer Arbeit (Foto: Andreas Batke)

Führerschein von 1925

Führerschein von Bruno Alfred Walter Schüßler, geboren am 8. Juni 1901 in Schönebeck, wohnhaft in Magdeburg, Elsässer Straße 22, Papier, Leihgeber: Sebastian Schüßler, BerlinSchüßler, Berlin

Führerschein von 1925

Führerschein von Bruno Alfred Walter Schüßler, geboren am 8. Juni 1901 in Schönebeck, wohnhaft in Magdeburg, Elsässer Straße 22, Papier, Leihgeber: Sebastian Schüßler, Berlin

Hilfsspiegel

2024, Firma ANBOO, um 360 Grad verstellbar, mit selbstklebendem Aufkleber, zum Erfassen des Toten Winkels, werden an die Rückspiegel montiert, ABS/verspiegeltes Kristallglas/ Kunststoff, Sammlung: museum oder-spree

Hilfsspiegel

2024, Firma ANBOO, um 360 Grad verstellbar, mit selbstklebendem Aufkleber, zum Erfassen des Toten Winkels, werden an die Rückspiegel montiert, ABS/verspiegeltes Kristallglas/ Kunststoff, Sammlung: museum oder-spree

ELAN-Fahrtrainer

Alter Fahrtrainer von 1966 bis 1989 vom Verkehrskombinat Karl-Marx-Stadt (Foto: Bernd Choritz)

ELAN-Fahrtrainer

Alter Fahrtrainer von 1966 bis 1989 vom Verkehrskombinat Karl-Marx-Stadt (Foto: Bernd Choritz)

Wer länger fährt, fährt besser

Heiko Boschan

Heiko Boschan (Foto: Andreas Batke)

Heiko Boschan

Heiko Boschan (Foto: Andreas Batke)

Wer länger fährt, fährt besser

Die Werkstatt »Autodienst Görsdorf« hat Heiko Boschan im Jahr 2005 gemeinsam mit zwei Kollegen gegründet – eine typenoffene Kfz-Werkstatt für Pkw und Transporter bis 3,5 Tonnen. Noch in der DDR hatte er Kfz-Schlosser und Karosseriebauer gelernt, arbeitete nach der Wende in einem Beeskower Autohaus, machte seinen Meister und baute dann die eigene Werkstatt in Görsdorf auf. Sohn Denny stieg im Jahr 2010 mit ein. »Es gibt Werkstätten«, erzählt dieser, »die nur Teile wechseln. Das Auto ruckelt, die Motorlampe leuchtet, dann lesen die den Fehlercode aus und bestellen das entsprechende Teil – obwohl es nicht immer defekt ist.« Seine Überzeugung ist: Man muss erst schauen und messen, sich in die Sache vertiefen und den Fehler suchen. Ein Auto soll in den Augen von Heiko und Denny Boschan so hergestellt sein, dass man es reparieren kann. Ein gutes Auto lässt sich, wenn man es gut wartet, viele Jahre lang erhalten – 20 Jahre lang und weit länger. So ist ihr Verständnis von Nachhaltigkeit. Das E-Auto, so wie man es heute baut, kommt beiden Boschans nicht besonders ökologisch vor. Schon der verbauten Rohstoffe wegen. Vor allem aber fehlt ihnen, so wie sich die Entwicklung bisher abzeichnet: die Langlebigkeit. Um Mobilität mit Umweltschutz in Einklang zu bringen, fänden sie sinnvoller, Verbrennerautos so weiterzuentwickeln, dass ihre Haltbarkeit steigt, statt sinkt, und Filteranlagen zu verbessern. Nicht zuletzt bräuchte es auf dem Land eine aufeinander abgestimmte Taktung des Arbeitsbeginns von Firmen, Läden, Praxen, Schulen, Kindergärten und einem Öffentlichen Nahverkehr.

Die Elektronik macht die Reparaturen teuer.

Denny Boschan

Für Denny Boschan gehört die Fehlersuche zum Job dazu. (Foto: Andreas Batke)

Denny Boschan

Für Denny Boschan gehört die Fehlersuche zum Job dazu. (Foto: Andreas Batke)

Görsdorf

Beim Autodienst »Görsdorf« wird ein Wagen unter die Lupe genommen. (Foto: Andreas Batke)

Görsdorf

Kartenansicht Beim Autodienst »Görsdorf« wird ein Wagen unter die Lupe genommen. (Foto: Andreas Batke)

BOSCH 0 124 225 018 Lichtmaschine

Nach 1990, Ersatzteil der Fa. Bosch, wurde noch in den 1990er-Jahren repariert bzw. regeneriert, wandelt mechanische Energie in elektrische Energie um (Erzeuger von Strom), 17 Volt, 70 Ampere, Aluminiumguss/ Kunststoff/Eisen/ Kupferdraht, Leihgeber: Auto Dienst Görsdorf GmbH (Foto: Bernd Choritz)

BOSCH 0 124 225 018 Lichtmaschine

Nach 1990, Ersatzteil der Fa. Bosch, wurde noch in den 1990er-Jahren repariert bzw. regeneriert, wandelt mechanische Energie in elektrische Energie um (Erzeuger von Strom), 17 Volt, 70 Ampere, Aluminiumguss/ Kunststoff/Eisen/ Kupferdraht, Leihgeber: Auto Dienst Görsdorf GmbH (Foto: Bernd Choritz)

Valeo Anlasser

Nach 1990, Ersatzteil der Fa. Valeo, wurde noch in den 1990er-Jahren repariert bzw. regeneriert, wandelt elektrische Energie aus der Batterie in mechanische Energie um, um den Motor zu starten, 12 Volt, Aluminiumguss/Eisen, Leihgeber: Auto Dienst Görsdorf GmbH (Foto: Bernd Choritz)

Valeo Anlasser

Nach 1990, Ersatzteil der Fa. Valeo, wurde noch in den 1990er-Jahren repariert bzw. regeneriert, wandelt elektrische Energie aus der Batterie in mechanische Energie um, um den Motor zu starten, 12 Volt, Aluminiumguss/Eisen, Leihgeber: Auto Dienst Görsdorf GmbH (Foto: Bernd Choritz)

Petroleumkanne

Um 1900, Haushalt J. Rehberg, Beeskow, Metall, rot lackiert, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Petroleumkanne

Um 1900, Haushalt J. Rehberg, Beeskow, Metall, rot lackiert, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Ölkanne

Ölkanne, Um 1900, Metall, rot lackiert, Herkunft unbekannt, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Ölkanne

Ölkanne, Um 1900, Metall, rot lackiert, Herkunft unbekannt, Sammlung: museum oder-spree (Foto: Bernd Choritz)

Anker und Motor der Satdt

Hans-Jürgen Woldt

Hans-Jürgen Woldt hat selbst im Werk gearbeitet. (Foto: Andreas Batke)

Hans-Jürgen Woldt

Hans-Jürgen Woldt hat selbst im Werk gearbeitet. (Foto: Andreas Batke)

Vom Motor zum Auslaufmodell

Mehr als 80 Jahre lang war Fürstenwalde auf das Engste mit der Reifenproduktion verbunden. Geht es nach dem derzeitigen Eigner des Reifenwerkes, dem US-amerikanischen Unternehmen Goodyear, wird diese wegen anhaltender Schwierigkeiten auf dem Kautschukreifenmarkt 2027 eingestellt. In einem Betrieb, der zu DDR-Zeiten bis zu 4.500 Beschäftigte zählte, werden es dann (Stand Mitte 2024) noch 222 sein. Zum Jahrestag der Gründung der Deka GmbH, Werk 2 Ketschendorf – dem Ursprung des Großbetriebes – hat Hobby-Heimatforscher Hans-Jürgen Woldt unter dem Titel »Profilspuren – 80 Jahre Reifenwerk Fürstenwalde« ein Buch geschrieben. Er selbst hat von 1977 bis 1994 bei Pneumant (Pneu von Luft und Mantille für Mantel) gearbeitet. Die Entwicklung des Standortes geht auf die jüdische Familie Hirschmann zurück. Diese hatte sich für die Erweiterung ihres Kabelwerkes an der Boxhagener Straße in Berlin, die »Deutsche Kabelwerke AG« (Deka), mangels Industrieflächen in der Metropole ins Umland begeben. Ab 1933 drängten die Nationalsozialisten die Hirschmanns aus ihrer Firma. 1937 begann der Bau einer Produktionsstätte für die Herstellung von Reifen sowie Gummierzeugnissen für Panzer und Artilleriegeschütze. 1946 wurde mit dem Befehl Nr. 84 der Sowjetischen Militäradministration der Wiederaufbau als Volkseigener Betrieb (VEB) in Gang gesetzt. Für die folgenden vier Jahrzehnte war das Reifenwerk nicht nur größter Arbeitgeber der Stadt, es hat auch das gesellschaftliche Leben, vor allem in Süd, geprägt. Die komplette Neuorganisation des Alltags nach 1989 nennt Woldt dann »den Einschnitt überhaupt«. Das Reifenwerk war wie eine Stadt in der Stadt. Alles, was nicht unmittelbar zur Produktion gehörte, wurde aufgegeben – ob betriebliche Kitas, Lehrlingswohnheim, Betriebswohnungen, Ferienheim, Ausbildungsstätten, ärztliche Betreuung, Sport- und Kultureinrichtungen.

Das Reifenwerk war (…) sozialer Anker sowie Motor in der Stadt.

Pneumant Fürstenwalde

Eingang zum Werksgelände mit Unterschriftenlisten für den Standorterhalt (Foto: Andreas Batke)

Pneumant Fürstenwalde

Kartenansicht Eingang zum Werksgelände mit Unterschriftenlisten für den Standorterhalt (Foto: Andreas Batke)