Bauen mit Herz und Holz

Bauspielplatz Fürstenwalde

Bauspielplatz

Bauspielplatz Fürstenwalde

Kartenansicht Auf dem Bauspielplatz kann jeder seine Ideen einbringen. (Foto: Andreas Batke)

Bauen mit Herz und Holz

Jugendarbeit auf dem Bauspielplatz

Wer das Tor zum Südclub an der Fürstenwalder Bahnhofstraße öffnet, betritt eine andere Welt. Vorbei an bunten Holzhütten und umgebauten Schubkarren mit fröhlichen Pferdeköpfen führt der Weg in eine hohe, halb offene Werkstatt, die mit den Baumkronen zu verschmelzen scheint. Dort gibt es gut sortierte Regale mit Holzstücken in jeder Größe und alle Werkzeuge, die man sich vorstellen kann: Hammer, Säge, Schnitzmesser, Schäleisen, Schraubzwingen. Es ist das Reich von Matthias Bogdan, der diesen Jugendclub-Standort aufgebaut hat und seitdem immer weiter baut – vor allem mit seinem Lieblingsmaterial Holz. Sein Fachgebiet, das ist der Spielplatz- und Spielzeugbau, aber genauso die Sozial- und Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen. »Ich bin ein Fan davon, mit wenig Aufwand und wenig Geld etwas zu machen«, sagt Bogdan. Und das vermittelt er auch den jungen Menschen. Etwa 60 Schülerinnen und Schüler ab acht Jahren kommen regelmäßig nach dem Unterricht in den Club. »Wir haben schnell gemerkt, dass zum Bauen zu wenig Platz ist.« Beim Anblick der Maulbeerbäume auf dem Nachbargrundstück sei ihm schließlich die Idee gekommen, dort einen Bauspielplatz einzurichten, in den die seltenen Bäume integriert werden könnten. Das Konzept ist einfach: Es gibt ein paar feste Objekte, wie die erste Bude und die Werkstatt, alles andere ist stets im Wandel. »Die Ideen zu einem Haus oder Objekt kommen von den Kindern, die Sozialarbeiter helfen dann bei der Grundkonstruktion, damit sie hält und sicher ist. Alles andere machen die Jugendlichen allein, wenn sie Lust dazu haben. Das kann schon mal ein Jahr dauern, bis alles fertig ist.«

Ich bin ein Fan davon, mit wenig Geld etwas zu machen.

Typenbau mit Klasse

Fangschleuse

Fangschleuse

Fangschleuse

Kartenansicht DDR-Siedlungsbau: Eigenheim des Typs EW 71A in Fangschleuse (Mitte) (Foto: Andreas Batke)

Typenbau mit Klasse

Ein Wohnhaus als Bausatz

Schöpfer der EW-Typenhäuser war Willy Stallknecht, der Architekt, der auch den Plattenbau P2 mit der bekannten Durchreiche konzipierte. EW stand für Einfamilienwohnhaus. In der noch recht jungen DDR waren sie als Beitrag gedacht, das Wohnraumproblem zu lösen. Das EW war, so könnte man es beschreiben, als Bausatz zu haben. Die Bauherren erhielten einen Plan und – soweit vorhanden – Baumaterial. Von 1958 an bis zum Ende der DDR wurden verschiedene Typen des EW erdacht – vom EW 58, vollunterkellert mit und ohne Loggia, bis hin zum EW 65 mit seiner Durchreiche. In den 1970er-Jahren litt die ländliche DDR unter drückendem Arbeitskräftemangel. Das Volksgut Lindenberg versuchte daher, junge Fachleute an sich zu binden, indem es ihnen ein Eigenheim in der Ausführung EW 65 BB als Doppelhaus versprach. Jochen Mangelsdorf, 26 Jahre alt, Diplomagraringenieur, verheiratet mit zwei Kindern, zog für das Angebot gern dauerhaft nach Lindenberg. Um den Privatbau verwirklichen zu dürfen, musste er versprechen, dem Volksgut mindestens 15 Jahre lang treu zu bleiben. 75.000 Mark Festpreis kostete ein EW-Bau. 10.000 Mark wurden erlassen – für das Treueversprechen. Eine besondere Herausforderung waren die Beschaffungsaufgaben. Klassisch beschafft wurden Wand- und Bodenfliesen. Aber auch Technik wie Heizungsrohre oder Kessel für die in den Siebzigerjahren beliebten »Schwerkraftheizungen«. Als Jochen Mangelsdorf eine Annonce schaltete: »Suche Heizkessel für Schwerkraftheizung«, antwortete ihm jemand: »Suche ebenfalls einen Heizkessel. Falls es Ihnen gelingt, zwei zu besorgen, biete ich Ihnen im Tausch eine Bohrmaschine an.«

Suche Heizkessel für Schwerkraftheizung

Prospekt für Doppelhaus »EW 65«

Prospekt »Doppelhaus EW 65 B/D«

Prospekt für Doppelhaus »EW 65«

Angebotsprospekt von 1972 für ein »Doppelhaus EW 65 B/D« (Foto: Bernd Choritz)

Mallorca fürs Wochenende

Reni Vater (Mitte), Marianne Lubasch (l.), Heinz Vehma

Reni Vater, Marianne Lubasch, Heinz Vehma

Reni Vater (Mitte), Marianne Lubasch (l.), Heinz Vehma

Zweitwohnung im Grünen: Reni Vater (Mitte) mit Marianne Lubasch (l.) und Heinz Vehma vor ihrem Wochenendhaus in Pieskow (Foto: Andreas Batke)

Ein Mallorca fürs Wochenende

Datschensiedlung auf Eigentumsland

Für die Menschen in der DDR war die »Datsche« ein privater Rückzugsort, ein Stück persönlicher Freiheit und vielleicht auch ein kleiner Trost, dass Spanien und Italien nicht nur im Sommer unerreichbar blieben. Bis 1989 sollen allein auf Pachtland etwa 1,6 Millionen selbstgebaute Bungalows errichtet worden sein. Dazu kommen, auch wenn es weitaus weniger sind, die Datschen auf privatem Grund. Am Ostufer des Schwielochsees, in Pieskow, wird Anfang der 1960er-Jahre Land für Wochenendhäuser verkauft. Werner Richter, ein Pieskower Bauer, gibt dort den Quadratmeter für Preise zwischen 50 Pfennigen und einer Mark ab. Nicht an den Staat, sondern direkt an die Bauherren. Marianne und Werner Lubasch können sich „ihr“ Grundstück am See noch aussuchen. 255 Quadratmeter auf einem Acker. Die Materialbeschaffung ist nicht einfach, kann aber zum Glück über eine Verwandte organisiert werden, die in einem Baustoffhandel arbeitet. Am Ende steht auf dem einstigen Acker etwas, das aussieht, wie ein Einfamilienhaus, aus dem man die Luft raus gelassen hat. Als Heinz Vehma 1963 nach Pieskow kommt, sind eigentlich schon alle 60 Parzellen auf der Nordseite der Siedlung vom Markt. Ein paar wenige Datschenbesitzer jedoch springen wieder ab. Vehma nutzt die Chance. »Jeden Nagel hier habe ich selbst eingeschlagen«, erzählt der heute 90-Jährige. Auch Reni Vater und ihr Mann machen vieles an ihrem Bungalow selbst, manchmal aus Abrissmaterialien. Die Leidenschaft der beiden gehört wie bei so vielen am See dem Wassersport. Fast jeder dort hat ein Boot. Doch nach der Wende sinkt das Interesse mancher Datschenbesitzer am »kleinen Glück«. Viele sind auch in die Jahre gekommen. Als Marianne Lubasch ihr Haus 2011 verkauft, muss sie lange nach Interessenten suchen. Mittlerweile hat sich das wieder grundlegend geändert. Reni Vater und Heinz Vehma sind geblieben. »Pieskow«, sagt Vehma, »ist einfach unser Mallorca.«

Verkaufen werde ich auf keinen Fall!

Pieskow

Reni Vater Pieskow

Pieskow

Kartenansicht Seit Mitte der 1960er-Jahre verbringt Reni Vater jede freie Minute am Schwielochsee. (Foto: Andreas Batke)

Endstation Traumgehäuse

Gertrud Zucker

Gertrud Zucker

Gertrud Zucker

Illustratorin Gertrud Zucker vor ihrem Haus in Bad Saarow (Foto: Andreas Batke)

Aus der Welt ins »Traumgehäuse«

Neue Heimat am Scharmützelsee

Bad Saarow, der Ort, in dem Johannes R. Bechers »Traumgehäuse« steht, gilt seit jeher als privilegiert. Bekannt durch seine Thermalquelle, seine medizinischen Einrichtungen, die Berlinnähe und seinen Kurort-Status, ist er Anziehungspunkt für Mediziner und Architekten, Künstler und Kulturschaffende, Naturfreaks und Literaten. Die Illustratorin Gertrud Zucker kommt mit ihrem Mann Gerd nach Bad Saarow, der dort nach dem Ende seines Medizinstudiums 1959 eine Stelle antritt. Sie hadert erst mit dem Umzug. Heute sagt sie: »Hier möchte ich nie wieder weg.« Auch wenn vieles nicht mehr so ist wie früher, alles so herrschaftlich wird, fast fremd im Zentrum: Bad Saarow ist ihre Heimat. Rund 40.000 Touristen kommen jährlich und genießen das Flair des Kurortes mit seinen knapp 6.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Grundstückspreise dort sind nur im Berlin nahen Raum zu toppen. Viele riechen den Braten, investieren, bauen und entwickeln. Auch Artprojekt. Doch hier, wie sie sagen, nicht nur mit dem Ziel, Geld zu machen. Die »Kurpark Kolonnaden« zum Beispiel wurden von Artprojekt als Stadtzentrum erdacht. 65 Wohnungen, Gewerbe, ein Kino, Restaurants, Läden, Galerien, Dienstleister. Der Leerstand ist gering. Auch das neue Bauprojekt »Marina Apartments« an der Westseite des Scharmützelsees erfreut sich großer Beliebtheit. Quadratmeterpreise liegen dort bei 7.000 Euro und mehr. »Die Kaufkraft ist da«, sagt Alexandra von Stosch von Artprojekt, »jedoch haben wir auch schon Interessenten abgelehnt, die nicht hierher passen. Wir wollen, dass sich der Ort gut entwickelt.«

Hier möchte ich nie wieder weg.

Bad Saarow

Kurpark Kolonaden

Bad Saarow

Kartenansicht Vor mehr als 15 Jahren hat sich Susann Fritsch in den Ort verliebt – und wohnt jetzt in den »Kurpark Kolonnaden«. (Foto: Andreas Batke)

Zierschlüssel

Zierschlüssel

Zierschlüssel

Zierschlüssel aus Eisen von 1900 (Foto: Bernd Choritz)

Werbeschild Kurpark Kolonnaden

Werbeschild Kurpark Kolonnaden

Werbeschild Kurpark Kolonnaden

Werbeschild für die Kurpark Kolonnaden der Firma Artprojekt in Bad Saarow (Foto: Bernd Choritz)

Wie wir bauen sollen

Volker Ihm

Architekt Volker Ihm

Volker Ihm

Das Bestehende erhalten: Architekt Volker Ihm lebt auf dem Hof seiner Familie in Buchholz. (Foto: Andreas Batke)

Wie wir bauen sollen

Nicht jede Generation braucht ein Eigenheim

Ein Haus zu entwerfen und zu bauen, hat nicht nur etwas mit Technik, Geld, Handwerk und einem dicken Bündel juristischer Vorgaben zu tun, sondern auch mit Philosophie, Psychologie und Geschichte. »Planung«, sagt Volker Ihm, »ist am Ende auch Menschenkunde.« Als Architekt und Städtebauer beschäftigt er sich seit vielen Jahren intensiv damit, wie sich Bauen, Wohnen, das gesellschaftliche Zusammenleben, historisch gewachsene Strukturen und materielle und finanzielle Ressourcen zu etwas Sinnvollem und Nachhaltigem verbinden lassen. Einer der großen Vierseithöfe in Buchholz bei Steinhöfel gehört seit vielen Generationen seiner einst durch die innerdeutsche Grenze geteilten Familie. Vor 30 Jahren sah es dort so deprimierend aus, dass ein Teilabriss auch eine Option hätte sein können. Ihm aber wollte die Vergangenheit nicht planieren, sondern das Bestehende umbauen. Der Weg dahin führte über weitgehend unerforschtes Gelände. »Eine Scheune, einen Stall zum Wohnhaus umzufunktionieren – wie plant man so etwas? Es gab damals kaum Erfahrung auf diesem Gebiet«, erinnert sich Volker Ihm. »Und so wurden wir Pioniere im Umbau von alten Scheunen.« Ein anderes Problem, das ihn umtreibt, ist das energie- und ressourcenschonende Bauen. Es habe mit Ressourcenschonung nichts zu tun, wenn sich jede Generation ihr eigenes Haus hinstellt, sagt Ihm. Außerdem empfiehlt Ihm den Blick zurück. Schadstoffarm, energieeffizient und ressourcenschonend zu bauen, sei ja ein »altes Rezept«. Über Jahrhunderte verwendete man das Material, das am Ort kostengünstig und in ausreichender Menge zur Verfügung stand. In Steinhöfel und Buchholz waren das Feldsteine.

Planung ist am Ende auch Menschenkunde.

Wilmersdorf, Briesen (Mark)

Wilmersdorf, Briesen (Mark), Landkreis Oder-Spree

Wilmersdorf, Briesen (Mark)

Kartenansicht So kann es auch gehen: gut gewachsene Dorfstruktur rund um den Anger von Wilmersdorf (Foto: Andreas Batke)

Zeichenmaschine

Zeichenmaschine

Zeichenmaschine

FA Zeichenmaschine »robotron REISS« mit Zubehör von 1978-87 (Foto: Bernd Choritz)

Rakäte Typ TS 66

Rakäte Bewohner

Anna Gerlach, Sascha Haus, Kerstin und Maik Müller Rakäte

Rakäte Bewohner

Alle unter einem Dach: Anna Gerlach (v.l.), Sascha Haus sowie Maik und Kerstin Müller

Rakäte Typ TS 66

Zusammen wohnen in einer alten Schule

Sieben Menschen sind im Begriff, die ehemalige Käte-Agerth-Förderschule in Beeskow wieder mit Leben zu erfüllen. Sieben ganz unterschiedliche Charaktere mit sieben ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen: Altstadtmanagerin und Sanierungsbeauftragte, Maurer und Ingenieur, Store Managerin, Ton- und Lichttechniker, Sounddesigner, Tourenmanager, Gitarrist und Lehrerin. Gemeinsam geben sie dem Haus in gewisser Weise seinen ursprünglichen Sinn zurück – und schaffen doch etwas völlig Neues. 2020, mitten in der Corona-Pandemie, wurde es einigen von ihnen zu eng in der Hauptstadt. Sie suchten nach Alternativen: Alternativen zum Wohnen, zum Musikmachen und zum Musikaufnehmen, zum Geld verdienen. Die Idee, Wohn- und Kreativraum zu vereinen, war schnell geboren. Es galt, einen passenden Ort zu finden. Die Beeskower Altstadtmanagerin Kerstin Müller wusste um die verwaiste Schule, einen 1975 errichteten DDR-Typenbau »Erfurt TS 66«: 26.000 Quadratmeter Grundstücksfläche, davon 6.663 Quadratmeter Bauland und rund 19.000 Quadratmeter Wald; 720 Quadratmeter Wohnfläche sowie 335 Quadratmeter Arbeitsräume – was für ein enormer Raum, so viel Potenzial! Seit Dezember 2021 ist die »Rakäte GbR« Eigentümerin dieses Potenzials. Neben Kerstin und Maik Müller gehören Tochter Maxi Müller, Thomas Kosslick, Oliver Fries, Anna Gerlach und Sascha Haus dazu. Gemeinsam wollen sie in der »Käte« wohnen, arbeiten, einen Ort der Begegnung schaffen. »Ich glaube, dass die Zukunft in gemeinschaftlichen Wohnprojekten liegt, welche bereits bebaute Flächen in Deutschland wiederbeleben, statt noch mehr zu versiegeln«, sagt Anna Gerlach.

Die Zukunft liegt in gemeinschaftlichen Wohnprojekten.

Ehemalige Käte-Agerth-Förderschule Beeskow

Rakäte

Ehemalige Käte-Agerth-Förderschule Beeskow

Kartenansicht Zimmer mit Ausblick: Die ehemalige Käte-Agerth-Förderschule in Beeskow, ein 1975 errichteter DDR-Typenbau »Erfurt TS 66«, ist jetzt das Zuhauzse des gemeinschaftlichen Wohnprojektes »Rakäte«. (Foto: Andreas Batke)

Kinderbadwannde

Kinderbadewanne

Kinderbadwannde

Kinderbadewanne der ehemaligen Kinderkrippe der Burg Beeskow aus den 1950er-Jahren (Foto: Bernd Choritz)

Armlehnstuhl

Armlehnstuhl

Armlehnstuhl

Armlehnstuhl aus der DDR der 1960er-Jahre aus der ehemaligen Käte-Agerth-Schule in Beeskow (Foto: Bernd Choritz)

Kopf, Herz und Hand

Dorothee Schmidt-Breitung

Dorothee Schmidt-Breitung

Dorothee Schmidt-Breitung

Dorothee Schmidt-Breitung im Kloster Neuzelle beim Mischen von Pigmenten (Foto: Andreas Batke)

Kopf, Herz und Hand

Denkmalunterricht begeistert Jugendliche

Dorothee Schmidt-Breitung: Künstlerin, Restauratorin, Denkmalpädagogin, Kulturorganisatorin und Freigeist. Neben ihrer Arbeit als Restauratorin begeistert die Breslackerin seit geraumer Zeit im Denkmalunterricht junge Menschen für den Erhalt von Geschichte. Vorab promovierte sie auf dem Gebiet der Denkmalvermittlung. Dafür interviewte sie Jugendliche, die an einem Denkmal-Aktiv-Programm der Stiftung Denkmalschutz teilnahmen und analysierte die Wirkung, die das Programm hinterließ. Im Kulturort Neuzelle unterrichtet Dorothee nun Kunst und leitet die Denkmal-Aktiv-AG. Ihr neue »Karriere« an der Rahn-Schule begann infolge einer Vertretung, und schon bald merkte sie: »Der Lehrplan ist sehr dehnbar.« Diesen Umstand machte sich die Restauratorin zunutze und band die Denkmalvermittlung mit ein. Ab dem Grundschulalter bietet Dorothee den Kindern Werkstatttage an, bei denen schon die Kleinsten in Berührung mit Denkmälern und Traditionen kommen. Des Weiteren leitet sie die Denkmal-Aktiv-AG für Oberschüler, in der die Jugendlichen aktiv Neuzelle erkunden. Jugendliche sollen lernen, »wahrzunehmen«, sich der »Nutzbarkeit bewusst zu werden. Uns nutzt keine tote Materie. Sie muss beseelt sein, erst dann wird sie geliebt und gepflegt und beachtet.« Um den Unterricht spannend zu gestalten, organisiert Dorothee immer wieder Ausflüge. Und mit ihrer Denkmal-Aktiv-AG schafft sie es, dreimal pro Schulhalbjahr in die Werkstätten zu gehen, wo die Schüler ihr handwerkliches Geschick ausprobieren können. Sie sollen spüren, dass Denkmäler Spaß machen können und dass alt nicht immer gleich langweilig bedeutet.

Uns nutzt keine tote Materie.

»Schweinfurter Grün« und Schneebesen

«Schweinfurter Grün» und Schneebesen

»Schweinfurter Grün« und Schneebesen

»Schweinfurter Grün« und Schneebesen, Arbeitsmaterial von Dorothee Schmidt-Breitung (Foto: Bernd Choritz)

»Ältestes Haus« in Beeskow

«Ältestes Haus»

»Ältestes Haus« in Beeskow

Modell eines Details vom »Ältesten Haus« in Beeskow aus den 1970er-Jahren (Foto: Bernd Choritz)

Abschied vom Sonnengott

Vivien Kuhn und Christopher Eichwald

Vivien Kuhn und Christopher Eichwald

Vivien Kuhn und Christopher Eichwald

Stadt- und Regionalplanerin Vivien Kuhn und Bauamtsleiter Christopher Eichwald versuchen, Pläne für Storkows Stadtzentrum zu entwickeln. (Foto: Andreas Batke)

Abschied vom Sonnengott

Langwieriger Innenstadtumbau in Storkow

In der Landesweiten Planungsgesellschaft Berlin ist Vivien Kuhn als Gebietsbeauftragte verantwortlich für die Stadt Storkow und erarbeitete in den Jahren 2015/16 ein integriertes Stadtentwicklungskonzept (INSEK). Dieses war Grundlage für die spätere Aufnahme Storkows in das Städtebauförderprogramm »Lebendige Zentren«. »Wir arbeiten nun mehrere Jahre daran«, sagt Kuhn, »hatten sechs öffentliche Planungswerkstätten mit Akteuren aus der Wirtschaft, Verwaltung, sozialen Einrichtungen, auch mit vielen Einwohnern.« Das »Helios«-Gelände ist im Altstadt-Projekt der größte Brocken. Den Namen trägt es seit 1945, als der Unternehmer Paul Passoth dort eine Likörfabrik gründete. Anfang der 1970er-Jahre wurde daraus der VEB Helios Likörfabrik und Weinkellerei, der 1980 wiederum vom Getränkekombinat Frankfurt (Oder) einverleibt wurde. Das Ende der DDR erlebte die Firma nicht mehr; das Gelände dämmert seit Jahrzehnten vor sich hin. Nun soll es dem »Helios«-Areal, das die Stadt kaufen konnte, endgültig an den Kragen gehen. Wie rigoros, steht noch nicht endgültig fest. Die Denkmalbehörde gibt den Teilerhalt der Außenmauern vor, die Stadtverordneten wünschen sich den Erhalt des Gewölbekellers sowie des Fabrikgebäudes. Doch: Welche Nutzung soll es geben? Vivien Kuhn verweist darauf, dass sich dort sogenannte Frequenzbringer ansiedeln müssen. Die Stadtverwaltung favorisiert als solchen die Bibliothek. Diese würde von der Burg jedoch nur umziehen, wenn es in den bisherigen Räumen eine Nachfolgenutzung gibt. Die Sache mit dem Einzelhandel sieht hingegen nicht nur die Stadtplanerin kritisch. Und auch Gastronomie dürfte im »Helios« nicht die einfachste Aufgabe werden.

Mancher denkt, es tue sich überhaupt nichts.

Storkow

Helios Gelände

Storkow

Kartenansicht Größter Brocken im Altstadt-Projekt: Das »Helios«-Gelände mit seinen ruinösen Bauten hat eine vielhundertjährige Geschichte. (Foto: Andreas Batke)

Spielfahrzeug

Spielfahrzeug

Spielfahrzeug

Spielfahrzeug mit Abrissbirne für Kinder ab 12 Monaten von Fisher-Price aus den 1990er Jahren (Foto: Bernd Choritz)

Betriebstor

Betriebstor

Betriebstor

Betriebstor der ehemaligen Helios Likörfabrik und Weinkellerei nach 1945 (Foto: Bernd Choritz)

Das neue Jerusalem

Treppeln

Ruine Treppeln

Treppeln

Kartenansicht Glaube, Liebe, Hoffnung: Ist das Grafito auf der Abrissruine in Treppeln schon ein Ausblick in die (Kloster)Zukunft des Geländes? (Foto: Andreas Batke)

Einfach und erhaben zugleich

Ehemaliges Forsthaus weicht einem Klosterneubau

Wenn Pater Kilian im katholischen Pfarrhaus am Stiftsplatz in Neuzelle Gäste empfängt, sollen diese sich zu Hause fühlen – so wie sich auch die Mönche des Zisterzienserpriorats zu Hause fühlen sollen in einem Kloster. In Neuzelle ist das eher nicht der Fall. »Neuzelle ist der Ort, an dem uns die Augen aufgegangen sind«, sagt Pater Kilian. »Es ist aber auch der Ort, wo wir sagen, hier, im Pfarrhaus, können wir nicht bleiben. Wir müssen wieder weg.« Auf dem Gelände des ehemaligen Forsthauses Treppeln, das bis 1989 von der Staatssicherheit als Ferienanlage genutzt war, soll darum ein neues Kloster entstehen: mit Kreuzgang, Klosterkirche, Kapelle, Gästehaus. Und zwar aus Backstein. Das hat mit dem Klimawandel und der Hitze zu tun, aber auch mit der Akustik. »Wir singen dreieinhalb Stunden am Tag das Chorgebet, da muss die Akustik stimmen.« Im Moment ist man noch beim Übergang zur Entwurfsplanung. In die aus Mexiko stammende Architektin Tatiana Bilbao hat das Priorat dabei vollstes Vertrauen. Sie muss einen Spagat schaffen: Einfach und schlicht soll das neue Kloster werden, kein barockes Feuerwerk wie in Neuzelle. Aber es soll auch erhaben sein. Pater Kilian erklärt das in seinen Worten: »Ich hab‘ ja schon lange die wilde These, dass die Architektur der Zisterzienser quasi eine Vorwegnahme des Bauhausgedankens war: Nämlich die Kraft der Reduktion zu entdecken.« Aber es gehöre eben auch Gestaltungswille dazu. »Es soll eine Architektur sein, die die Seele erhebt, sodass man mit den Füßen auf dem Boden steht, aber Herz und Seele sich in den Himmel erheben.«

Es soll eine Architektur sein, die die Seele erhebt.

Treppeln

Forsthaus Treppeln

Treppeln

Kartenansicht Rückbau der Schießanlage: Das baufällige Forsthaus in Treppeln wurde bis 1989 von der Staatssicherheit als Ferienanlage genutzt – jetzt soll hier ein Kloster entstehen. (Foto: Andreas Batke)

Fensterfragment

Bleiglasfenster

Fensterfragment

Bleiglasfenster aus den 1970er Jahren, geborgen 2021 beim Forsthaus Treppeln (Foto: Bernd Choritz)

Putto

Putto

Putto

Putto aus Holz, Alter vermutlich 18. Jahrhundert (Foto: Bernd Choritz)

Alles Denkmal

Michael Reh

Michael Reh

Michael Reh

Michael Reh leitet in Eisenhüttenstadt den Bereich Stadtentwicklung. (Foto: Andreas Batke)

Wohnen im Flächendenkmal

Ein ganzes Stadtzentrum wird saniert

1956, als Kind, ist Gabriele Rogge-Haubold nach Eisenhüttenstadt gekommen, hat also den Aufbau dort miterlebt. In den frühen 1990er-Jahren kam die Architektin in den Bereich Stadtentwicklung im Rathaus und leitete diesen, bis sie Ende 2019 in Rente ging und Michael Reh die Aufgabe übernahm. Mit der Wende begann wie überall im Osten der Strukturwandel, Arbeitsplätze fielen weg, Familien verließen die Stadt, die Zahl der Geburten sank. Hatte die Stadt 1990 noch 50.000 Einwohner, werden inzwischen nur noch 23.000 gezählt. »Die Wohnungsgesellschaften hatten Gutachter, die ihnen vorrechneten, wo was am sinnvollsten ist«, erzählt Gabriele Rogge-Haubold. Doch denen zu folgen, hätte in jedem der Wohnkomplexe, besonders im Denkmalensemble, Löcher gerissen. »Das war nicht das, was wir wollten. Wir wollten die Wohnungsgesellschaften motivieren, im Zentrum zu sanieren, dort, wo alle öffentlichen Einrichtungen vorhanden sind, es kurze Wege für die Bewohner gibt«, erklärt die Architektin. Die Aufgabe war für alle Neuland, auch bei der Finanzierung. »Wir mussten erst einmal erklären, dass wir hier das größte Flächendenkmal der 1950er- und frühen 1960er-Jahre Deutschlands auf mehr als 100 Hektar Fläche haben und dessen Erhalt nicht allein leisten können.« Als Michael Reh den Bereich Stadtentwicklung übernahm, fand er ein fast komplett saniertes Denkmalensemble vor. Aufgaben für die Stadtplaner sieht er aber auch künftig jede Menge. Denn jene Häuser, die vor 25 Jahren zuerst saniert wurden, müssten jetzt wieder angefasst werden. Wichtig für das Erscheinungsbild der Stadt sind zudem die in die Jahre gekommenen Straßen, Gehwege und Grünanlagen im Denkmalbereich insgesamt.

So ein Denkmal muss leben.

Eisenhüttenstadt

Einsenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt

Kartenansicht Blick auf die Lindenstraße im Zentrum von Eisenhüttenstadt – im Hintergrund das alte Kaufhaus »Magnet« mit dem Wandbild »Deutsch-Polnisch-Sowjetische Freundschaft« (1967) von Walter Womacka (Foto: Andreas Batke)